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Ost und West · 1904-06-01 · Heft 6 (Juni 1904) · p. Seite 399 - 400

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 6 (Juni 1904)
Article
Das Ghetto in Venedig
Date
1904-06-01
Page
Seite 399 - 400 (sequence 2)
Language
German
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/;-;5>(> A. Behrendt: Das Ghetto in Venedig. gesehen bat. Denn früher, in alten Zeiten, waren die Juden streng an ihren Stadtteil gebunden, den sie nur mit besonderer Erlaubnis verlassen durften. Aber, oh Ironie, ihre Begräbnisstätte liegt herrlich am Ufer des blauen, rauschenden Meeres, auf dem Lido, dem beliebtesten Vergnügungsorte des Venezianers. Sie durften nicht auf „geweihtem Boden" liegen und so mussten sie hier draussen ihren Friedhof anlegen, den Himmel und Meer dafür mit unendlicher Schönheit ^geweiht" und in dem die schlanken Zypressen zum Himmel ragen und im leisen Winde sich wie betende Priester zueinander neigen. Jetzt ist es der freie Wille der im Ghetto Wohnenden, wenn sie hier im Judenviertel bleiben. Viele mag wohl die Pietät und die Familienliebe, diese Hauptgüter des Judentums, dazu bewegen, weiter hier an der Stätte zu wohnen, wo Vater und Grossvater lebten und starben, wo zwischen den bemoosten Steinen und dem alten Epheu die Erinnerungen wachsen, immergrün, wie das Moos und der Epheu. Am Vorabend des Karfreitags war es, als ich wieder zum Ghetto ging. Die Karfreitagsglocken summten durch die Luft, und in den engen Strassen hasteten die Menschen zur Messe in die Kirchen. Auch in den düsteren Gassen des Ghettos herrschte reges Leben. Man eilte, den Sederabend zu begehen, in Scharen zur alten Synagoge, über deren im Mondschein blinkendem, auf der Kuppel befindlichen Sterne unzählige Sterne des Himmels blitzten. Auch über der Markuskirche standen sie — denn die Gestirne GHETTO IN VENEDIG. leuchten über alle, sie fragen nicht nach den Konfessionen, und nicht kümmern sie, die Ewigen, die kleinen Gesetze der vergänglichen Menschen. ANDREAS OSIANDERS SCHRIFT UBER DIE BLUTBESCHULDIGUNG. Von Aug. Wünsche (Dresden). Durch einen günstigen Zufall, oder sagen Avir besser, durch, eine gütige Fügung der Vorsehung, ist das hochbedeutsame Schriftdenkmal aus der Zeit der Reformation wieder aufgefunden, das in allen grossen Bibliotheken vergebens gesucht wurde, Andr. Oslanders Verteidigungsschrift der Juden wider die Blutbeschuldigung, ein offenes und freimütiges Wahrheitszeugnis, edel und warm im Ton, den lUutlügnern, Arie Aug. Rohling und Genossen, ohne Zweifei recht fatal und unbequem, den Freunden der Wahrheit aber zu aufrichtiger Genugtuung. — Im Jahre 1540 um die Osterzeit war im Dorfe Sappenfeld bei Kichstätt das Knäblein eines Bauern ermordet worden, die Indizien des Leichnams wiesen darauf hin. dass e sich um einen aussergewöhnlichen Mord handelte, Aver konnte der Mörder sein? Natürlich niemand amiers als die Juden, Avar die Tat doch um die Osterzeit geschehen, wo die Juden zur Herstellung ihrer Mazzen (Mazzoth) angeblich Christenblut bedürfen. Auf Anordnung des Fichstätter Bischofs Moritz von Hutten Avurde die Leiche des getöteten Knaben in der Hauptkirche aufgebahrt, denn durch ein Gottesurteil sollten die Mörder entdeckt und der verdienten Bestrafung überliefert werden. Alle zum Gottesurteil geladenen Juden zogen an der Leiche vorüber, doch die Wunden blieben A'erschlossen, es zeigte sich kein Blut. In gleicher Weise führte auch der wegen des Mordes angestrengte Prozess zu keinem Resultat, und zwei Tittinger Juden, auf die sich besonders der Verdacht gelenkt hatte, die Tat begangen zu haben, mussten freigelassen Averden. Beim Gottesurteile überreichten zwei Juden aus Sulzbach den Räten des Bischofs ein ausführliches druckschriftliches Gutachten atoit einem protestantischen Geistlichen, welcher die Blutbeschuldigung als eine böswillige, schändliche Verleumdung bezeichnete, die von den München und Pfaffen herrühre, Aveil sie die Juden Avegen ihrer Bibelkenntnis hassten und fürchteten. Das Gutachten ist in die Form eines Briefes gekleidet und Avahrscheinlich an den lutherisch gesinnten Pfalzgrafen Ottheinrich von Neuburg gerichtet, der über den Ort Titting gebot und als ..Juden-

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