Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Das Ghetto in Venedig
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 397 - 398 (sequence 1)
- Language
- German
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397 3(>8 Wie eine kostbare Perle, von einem goldenen Sonnenringe eingefasst, liegt zwischen Himmel und Meer la bella Venezia. Zahllose Kirchen schmücken sie, Kunstwerke der Architektur, und fast ununterbrochen schallen Glocken töne über die einzig schöne Stadt. Und doch — inmitten dieser alten Dogen- und Kirchenstadt befindet sich ein eigenartiges Stadtviertel: das alte Ghetto, in dem noch eine grosse Anzahl Juden streng orthodox in ihrem Glauben lebt. Ihre Synagoge kann sich wohl mit den anderen herrlichen Bauwerken der Stadt messen. Ein prachtvolles Bauwerk ist dieser „Tempio Israelitico spagnuolo", den die eingewanderten spanischen Juden im Jahre 1655 von dem grossen Baumeister Longhena errichten Hessen, demselben, der die prachtvolle, stolze Kirche „Maria di Salute", die auf der anderen Seite des Canal grande liegt, geschaffen hat. Das Ghetto liegt, wenn man vom Markusplatz den Canal grande entlang gondelt, zur rechten Seite, und schon von Weitem fragen wir uns erstaunt, was das für riesengrosse, fünfstöckige, „ amerikanische" Häuser sind, die so düster über die alten, prachtvollen Palazzi ragen. Es sind die ersten Häuser des Ghetto, dessen Strassen noch enger, noch menschengefüllter sind, wie die der anderen Stadtteile Venedigs. Wenn wir uns durch die schmalen Gassen drücken, werden wir von einem ganzen Schwärm schmutziger, schwarzäugiger Buben und Mädchen begleitet, die auf klappernden Holzschuhen uns umkreisen, alle und nur um einenSoldobettelnd. Aber wenn wir nicht wüssten, DAS GHETTO IN VENEDIG. Von Alice Behrendt. dass wir im Ghetto sind, würden wir es kaum merken. Denn die Gesichter der Bewohner sind fast rein italienisch, nur selten, dass ein Gesicht mit der charakteristisch semitisch gebogenen Nase auffällt. Aber die Häuser — wenn wir weiter in das Ghetto hineinkommen, finden wir noch ganz alte, aus deren Mauerspalten Blumen und Gras wachsen — bieten oft einen ausserordentlich pittoresken Anblick. Einige sind über 500 Jahre alt. In einem von ihnen hat wohl Shylock, der Kaufmann AUS DEM GHETTO IN VENEDIG. von Venedig, gewohnt und seine Schätze, seine Perlen und Edelsteine gehütet. Hier von dieser ausgetretenen Marmortreppe, deren letzte Stufen moosüberwachsen und wasserbespült sind, bestieg vielleicht sein grösster Schatz, seine Tochter Jessika, heimlich die prunkvolle Gondel des Christen Bassanio, um das dunkle, enge Ghetto für immer zu verlassen. In die Strassen, wo die vielfenstrigen Riesenhäuser stehen, kommt fast gar kein Strahl der goldenen Sonne, die mit so verschwenderischer Pracht und Glut über der übrigen Stadt liegt, und von dem blauen Himmel ist nur ein schmaler Spalt sichtbar. Die Cholera und die Pest waren in früheren Zeiten häufige, entsetzenbringende Gäste Venedigs, und man denkt unwillkürlich mit Grausen, wie sie wohl hier in den engen, dumpfen Gassen gehaust haben mögen. Wieviel Jugend mag wohl hier vor der Zeit zu Grabe getragen worden sein, noch einem kurzen Leben im dumpfen Schatten, ohne dass sie vielleicht nur etwas von der unendlichen Schönheit des kaum wenige Schritte entfernten Meeres, der blauen Adria