Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Rivista israelitica [Rezension]
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 357 - 358 (sequence 2)
- Language
- German
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357 Literarisches, Aphorismen. 358 sopheme und theologische Drehungen und Wendungen uns die Rejudaisierung bringen werden. Dieser Prozess vollzieht sich in einer anderen Sphäre unserer Seele, zu der die dumme „Theologie" keinen Schlüssel hat. Die kleinen Notizen, die von den Kämpfen und den Leiden unseres Volkes Kunde bringen und von unserer nationalen Hoffnung und Arbeit, die unseres Gottes so voll sind, sie werden viel mehr dazu beitragen das grosse Wunder heraufzuführen, das grosse Geschichtswunder, wie Moses Hess es so gern nannte: unsere Wiedergeburt. Z. * * * Die Abgeschlossenheit der Juden, welche nach vielen als Axiom gilt, darf vom Bereich der Politik und des Rechts nicht auf Literatur und Kultur überhaupt übertragen werden. Nirgends haben stabile Grundanschauungen und zäher Widerstand gegen äusseren Zwang fast unbewusst mit so vielen und verschiedenartigen Elementen in Sprache, Gedanken, Einrichtungen und Sitten sich berührt und amalgamiert. Was das jüdische Schriftstudium so sehr erschwert, ist nicht das Hebräische, sondern das Fremde, dessen Herkunft selbst oft das Problem bildet. Der Forscher muss sich hier überall Licht von aussen holen, um das Innere zu erkennen. Die Juden leben nicht bloss überall, sie wandern viel, sehr oft unfreiwillig, und tragen und übertragen Dinge und Ideen und ihre Bezeichnung. Darum enthält ihr Schrifttum Zeugnisse und Nachrichten, die für die anderweitige Geschichte jeder Art zu verwerten sind. Wir wollen damit nicht auf eine Fundgrube ungeahnter Schätze hinweisen. Die jüdischen Lichter sind Reflexe, aber oft sehr treue. Ihre Aufzeichnungen bieten oft kleine Züge, welche anderswo fehlen und unsere Geschichtsbilder vervollständigen. Unsere heutige Geschichtsforschung, welche überall das Einzelne zum soliden Aufbau des Ganzen aufsucht, wird auch das bescheidene Scherflein aus jüdischen und arabischen Quellen nicht verschmähen. M. Steinschneider. * * * Der Zionismus bedeutet die Umwandlung der potentiellen Energie in eine kinetische. Unter dem jahrhundertelangen Drucke wurde die Energie niedergedrückt, und derselbe Druck bringt sie zur Entfaltung. Die Energie wirkt von unten nach oben: sie hebt den Juden aus den Tiefen in die Höhe — und hernach wirkt sie von innen nach aussen: sie lässt die Tyrannei des Herrn in die Achtung der Menschen sich umwandeln. AI. Licht. REVUE DER PRESSE. Die deutsche Judenheit hat seit langem nichts so erregt, wie der Ausfall der Stichwahl im Kreise Schmalkalden- Eschwege, hat sich doch hier mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt (worauf die Nationaljuden schon seit einem Dezennium hinweisen), dass auch der Liberalismus nicht gegen den Antisemitismus immunisiert! Die „Jüdische Rundschau" (4. März 1904) schreibt: „Aus dem Vergleich der Zahlen der Stimmen bei der Haupt- und Stichwahl geht klar und unzweideutig hervor, dass die „Freisinnige Volkspartei" nur deshalb trotz aller Aufforderungen, ihren Parteigenossen eine Wahlparole zu geben, geschwiegen hat, weil der Antisemit Raab ihr Kandidat war. Und die freisinnigen Wähler haben diesen offen-geheimen Wink sehr wohl verstanden; denn nur durch die Abgabe von wenigstens 2500 „freisinnigen" Stimmen für Raab wurde der Antisemit gewählt. Die Freisinnige Volkspartei hat bei dieser Nachwahl deutlich und klar den Juden zu verstehen gegeben, dass sie das Tischtuch zwischen sich und ihnen zu zerschneiden im Begriff steht, nicht mit einem kühnen, ehrlichen Schnitt, sondern heimlich und feige, damit die dummen Juden noch recht lange dumm genug sein mögen, ihr Geld für die Partei zu geben und ihnen die Kastanien aus dem agrarischen Feuer zu holen. Gewiss, der Radauantisemitismus ist in Deutschland zurückgewichen. Aber der viel gefährlichere, hartnäckige Antisemitismus ist um das tausendfache gewachsen und beweist seine Kraft, indem er seinem Vater, dem Parteiantisemitismus, aufs neue zu einem Sitze im deutschen Reichstage verholfen. * * # Die Gesatntorganisation der deutschen Juden. Sonntag, den 24. v. M., fand im Sitzungszimmer der jüdischen Gemeinde von Berlin eine von vielen Gemeinden des Deutschen Reiches beschickte Konferenz statt, an der massgebende Persönlichkeiten der deutschen Judenheit teilnahmen, um das Projekt einer Gesamtorganisation der deutschen Juden zu realisieren. Es wurde nach eingehenden Beratungen ein Statut angenommen, nach welchem auf je 1000 Seelen in Deutschland ein Delegierter kommen soll, weiter den bestehenden grossen Organisationen eine angemessene Vertretung gesichert ist, und die Kooptation führender Einzelpersönlichkeiten dem aus den Herren Justizrat Fuchs, Professor Philippson, Justiziat Breslauer, Rechtsanwalt Horwitz und Justizrat Friedmann bestehenden Ausschuss überlassen bleibt. Von zionistischer Seite waren die drei Aktionskomiteemitglieder für Deutschland zugezogen worden. Wir werden noch Veranlassung nehmen, auf die Neugründung ausführlicher zurückzukommen. * * Wie wir erfahren, will Herr Justizminister Schönstedt vor seinem baldigen Rücktritt eine Massnahme treffen, die seiner Amtswirksamkeit langes Gedenken sichern soll. Er hat die Absicht, seine Praxis in ein System zu bringen, den