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Ost und West · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 353 - 354

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Das westjüdische Kulturproblem
Date
1904-05-01
Page
Seite 353 - 354 (sequence 3)
Language
German
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353 Dr. Jeremias: Das westjüdische Kulttirproblem, 354 wer mit nüchterner Kenntnis des Arbeitsfeldes ans Werk gegangen ist, lässt sich nicht so leicht entmutigen. Nur bei der heranwachsenden Generation hoffen wir von der Einwirkung des politischen Nationalismus und der ganzen jüdischen Renaissance, die ihm zu danken ist, schnelle und reiche Erfolge. Ohne Verkennung der Schwierigkeiten, erwarten wir also, dass die in- und extensive Arbeit der zionistischen Organisation, wie sie Gronemann in geistvollem Paradigma auf die Schultern des einen Plauni ben Plauni häuft,*) dass diese beispiellos emsige und vielseitige Arbeit nationaljüdischer Volkserziehung mit der Zeit reiche Frucht tragen wird im Sinne einer inneren Wandlung der Gemüter, fortschreitender Umwertung jüdischer Lebensanschauungen und Kulturideale. Das erwarten wir „allen Ernstes" und mit der unbeirrbaren Sicherheit dessen, der täglich verheissungsvolle Beweise dafür erlebt, dass er auf dem rechten Wege ist. Aber für das bewunderungswürdige Wirken des Zionismus hat Acher nichts übrig. Vergeblich sucht man in dem langen Artikel auch nur nach dem Wort „Zionismus", und es scheint fast, als bringe A. diesem stolzen Namen dieselbe ehrfürchtige Scheu entgegen, welche die Verfasser des Estherbuches den heiligen Gottesnamen geflissentlich vermeiden Hess! Es ist ein wahres Mitleid anzusehen, wie sich A. hoffnungslos müht, am Zionismus vorbeizureden und ausserhalb desselben neue Wege aus den kulturellen Nöten des westlichen Judentums zu finden. „Darum liegen uns natürlich alle jene Bestrebungen am nächsten, die auf eine weitere Vertiefung und Ausprägung der jüdischen Note gerichtet sind." Na also, nun kommt er endlich auf den Zionismus zu sprechen — denkt der harmlose Leser, der nicht weiss oder vergessen hat, dass Acher die grösste jüdische Organisation längst totkritisiert zu haben wähnt. Nein, A. hat andere, bessere Vorschäge. Einm al empfiehlt er die Beschäftigung mit Jargon- *) Jüdischer Volkskalender 5664, Brünn. KÄTHE MÜNZER. literatur, und wenn dieser Rat auch nicht neu ist, so kann man ihn nur wärmstens unterstützen: ich weiss es aus eigener Erfahrung, wie sehr dabei die Innerlichkeit und Innigkeit jüdischen Kulturempfindens wächst. Neuartiger und origineller aber ist ein Vorschlag Achers, der. etwas unklar gehalten, sich wohl am präzisisten so umschreiben lässt: Gründung eines „Zentralvereins deutscher Literaturbürger jüdischen Glaubens." Endlich ein erlösendes Lachen! Die Berge haben gekreisst und ein lächerliches Mäuslein ward in die Welt gesetzt. Und nach solcher epochemachenden Tat kommt die Schlussapotheose, die an Nebelhaftigkeit nichts zu wünschen übrig lässt: „Was der jüdische Nationalgedanke vorläufig im Westen braucht, sind nicht Nationaljuden, sondern Juden schlechthin und seien es auch Assimilanten, deren jüdischer Wesensteil die Tendenz hat, sich zu vergrössern und zu vertiefen." Also wörtlich zu lesen bei Mathias Acher! Schade, schade, dass die Begabung eines Acher an die aussichtslose Aufgabe verschwendet wird, den offiziellen jüdischen Nationalismus kritisch zu zersetzen, den Zionismus nörgelnd zu verneinen. Mit seinen eigenen Worten rufe ich A. zu: es gibt keinen erfolgreichen Widerstand gegen erfolgreiche Tatsachen. Die Entwickelung fragt nicht nach unseren Wünschen, sie ist mächtiger als unsere Schemata, und wir handeln vernünftig, wenn wir unsere Wünsche der Entwickelung anpassen. Wenn Acher aufrichtig „um das Kulturschicksal des jüdischen Volkes besorgt" ist, so muss er mit Blindheit geschlagen sein, um zu übersehen, dass nichts so wirksame Hilfe verheisst als der Zionismus, dass nur der politische Nationalismus mit all seinen kultur eilen Em an ationen die Westjuden der jüdischen Kultur wiederzugewinnen befähigt ist. (Eine Replik M. Achers folgt in nächster Nummer.) KARIKATUR.

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