Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Das westjüdische Kulturproblem
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 351 - 352 (sequence 2)
- Language
- German
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351 Dr. Jeremias: Das westjüdische Kulturproblem. 352 Forscherauge entzieht, wie das Grundwesen, welches das Individuum von seinesgleichen so sehr sondert und heraushebt." Wie gesagt, schon die Form lässt erraten, wie wenig Reelles uns der Achersche Aufsatz inhaltlich zu bieten vermag. Einleitend nimmt A. zur Assimilation prinzipiell Stellung und erklärt dabei rund heraus, dass auch Assimilation als Programm ihm nichts Unmoralisches scheine, und die Stigmatisierung der Assimilanten als Volksverräter sinnlos sei. Gegen diese nationale Toleranz oder sagen wir ungeschminkter: Indolenz, wie sie eben nur ein Jude fertig bringt, muss entschieden Protest eingelegt werden. Wenn wir heute auf die Juden der Emanzipationsära zurückblicken, wie sie im Rausch der Verbrüderungs- und Gleichberechtigungsphrasen, das Ghettojudentum von sich werfend, in den deutschnationalen Strudel hineintaumelten, so haben wir ein mildes Bedauern für sie; die Friedensschalmeien tönten zu verlockend, als dass •diese weltfremden Idealisten ihrer süssen Gewalt nicht hätten erliegen sollen. Wenn aber in Zeiten schwerster Kriegsnot Volksgenossen sich aus den eigenen Reihen fortstehlen und um jeden Preis sich dem Feinde aufzudrängen suchen, selbst in der subjektiven Ueberzeugung, dass die Aufsaugung durch die Feinde das unausbleibliche Schicksal oder gar das Heil ihres Volkes sei — so wird das von jeder gesunden Nation mit gesundem Instinkt als Verrat gebrandmarkt werden. Will A. etwa jene Buren, welche im Kriege die Reihen der Engländer verstärkten, einer moralischen Verurteilung entziehen? Oder erscheint ihm auch Flavius Josephus als ein „subjektiv moralischer" Biedermann? Auf das Tatsächliche der Assimilationsfrage übergehend, untersucht A. alsdann, inwieweit eine absolute Assimilation in den deutschen Juden bereits erfolgt sei. Dabei begeht er den Kardinalfehler, von den deutschen Juden als einheitlicher Masse zu sprechen. Wie sehr unterscheiden sich doch in jüdisch-kultureller Hinsicht die Juden des deutschen Ostens von den Mittel- und Westdeutschen, wie sehr die industriellen Grossjuden von dem jüdischen Kaufmann usw. Demgemäss kann man natürlich nicht von einer Assimilation „der deutschen Juden" sprechen; aber ohne Zweifel ist in gewissen sozialen Schichten, bezw. in lokalisierten Bezirken die Assimilation weit vorgeschritten oder vollendet. In einer Grossstadt Westfalens wurde jüngst im jüdischen Religionsunterricht die Stelle im Schemagebet besprochen, auf welche das Gebot der Tefillie zurückgeführt wird; auf die wiederholte Frage, wer von den Kindern diese Schauriemen schon einmal gesehen habe, meldete sich endlich ein Kind: „Ich, bei meinem Grossvater in Posen!" Eben dies Kind, sehr geweckt und jetzt zehn Jahre alt, bat neulich seine Bonne, ihm doch einmal Juden zu zeigen! Oder man halte einmal in den jüdischen Dozentenkreisen der Universität Strassburg und Königsberg Umschau: durch Taufe und Mischehe ist dort das Judentum fast ausgelöscht. In solchen Kreisen, die zum Glück noch recht begrenzt sind, wird A. schwerlich auch nur die „jüdische Note" in Sprache, Kunst oder Religion konstruieren können. Die grosse Masse der deutschen Juden aber ist in ihrer kulturellen Artung noch merklich different von der umgebenden Bevölkerung; um dies zu demonstrieren, sucht A. „nach Noten" und will viel handgreiflichere kulturelle Artunterschiede — Erwerbs- und Verkehrsgewohnheiten, -Fähigkeiten und -Methoden — nicht gelten lassen, bloss weil solche auf besonderen geschichtlichen Voraussetzungen beruhen, die bei anderen Völkern ceteris paribus dieselben Folgen hätten haben können. Aber haben nicht alle Differenzen in der kulturellen oder sonstigen Eigenart der Rassen und Nationalitäten ihre besonderen historischen Ursachen und wandeln sich mit diesen? Prägt nicht der Jahrhunderte lang gänzlich mangelnde Kultureinschlag des Beamtentums und des Bauernstandes oder der überwiegend starke Kultureinschlag des Handelsstandes dem ganzen deutschen Judentum bestimmte Kultureigentümlichkeiten auf, welche bis auf weiteres als Charakteristika zu gelten haben? Das sind doch Binsenweisheiten, die man Mathias Acher nicht sollte sagen müssen! Die eigentliche Betrachtung des westjüdischen Kulturproblems beginnt A. mit einem „Hauptirrtum", der allerdings auf seiner Seite liegt: „Die westlichen Nationaljuden glauben allen Ernstes, durch Verbreitung bestimmter politischer Ansichten oder gar Parteigrundsätze den jüdischen Westen dem Judentum zurückzuerobern." Mag sein, dass der eine oder andere gelegentlich im Ueberschwung der Begeisterung oder in einer beglückenden Stunde, da der aufschäumende Optimismus die immer bereite Skepsis in den Wind schlug, sich ähnlich geäussert hat. Aber im Ernst glaubt kein denkender Zionist, dass ein Schlagwort die innere Struktur der Juden mit einem „Schlage" ändern, den Assimilanten von gestern auf heute nationaljüdische Kultur beibringen kann. Wir wissen sehr wohl, dass der Kreis derer, auf die wir in deutschen Landen wirken können, seine Grenzen hat. Dort wo ausschliesslich deutsche Erziehungs-, Bildungs-, Milieu- und sonstige Lebenselemente auf das Individuum oder Gruppen zur Einwirkung gelangen, jüdische Kultureinflüsse sie gar nicht mehr erreichen, da bedeutet die Wiederbelebung nationalen Judentums eine Sisyphusarbeit. Diejenigen jedoch, die einmal echt jüdisches Leben um sich gesehen, das Judentum einmal innerlich erlebt oder gar durchlebt haben — bei denen gilt es nur, das Bett der jüdischen Strömung vom Geröll deutschliberaler Phantasieen zu befreien. Auch das ist meist eine mühselige Arbeit, immer wieder passiert es, dass Partieen des schon zur Seite geschobenen Gerölls wieder nachstürzen; aber