Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Der Sederabend
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 339 - 340 (sequence 7)
- Language
- German
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339 Dr. E. Baneth: Der Sederabend. 340 zu trinken. — Es ist das Fest der Freiheit, das gefeiert wird, und Freiheit ist das gerade Gegenteil von Ungebundenheit. Nun werden wir auch eine rätselhafte Stelle, die schwierigste in der ganzen Haggada, leicht verstehen: „Das kluge Kind stellt die Frage: Wozu all die Zeugnisse, Gesetze und Vorschriften, die der Ewige, unser Gott, euch befohlen? Du aber antworte ihm mit einer Satzung des Pesach: Man lasse die Pesachfeier nicht mit einem Epikomon schliessen."80) Welch ein Aufwand von Geist und Witz ist nicht an die Erklärung dieser seltsamen Antwort verschwendet worden, die doch zu jedem Kinde, das den Sinn des Wortes Epikomon kennt, eine sehr deutliche Sprache redet: Du fragst am Freiheitsfeste nach Zweck und Ziel der erdrückenden Menge von Geboten, mit denen die Religion unser ganzes Leben durchrankt, die unsere Bewegungsfreiheit einschnüren, auf Schritt und Tritt uns Steine des Anstosses in den Weg legen. Ihr Zweck ist, mit dem Zügel des Gehorsams dich vor tiefem Sturze in die lockenden, mit Blumen überdeckten Abgründe zu wahren; ihr Ziel ist, dich zu innerer Freiheit zu erziehen, auf dass du in allen Kämpfen und Versuchungen die Kraft besitzest, deine Menschenwürde zu behaupten. Denn was du, mein Sohn, in deiner Unerfahrenheit für Steine des Anstosses hältst, das sind die Wegweiser auf dem schmalen Pfade, der zum Gipfel sittlicher Vollkommenheit führt. — Vom Sklavenhause Aegyptens zur Höhe des Horeb, aber nicht zu den Untiefen einer noch schimpflicheren Sklaverei! Das ist Sinn und Bedeutung der heiligen Pesachfeier, das ist Zweck und Ziel aller religiösen Uebung. Den Schluss des Sederabends bilden drei Lieder von unbekannten Verfassern. Das erste ist ein Hymnus auf Gott, der seinen Tempel wieder erbauen wird. Das zweite enthält eine Symbolik der Zahlen 1 bis 13. Eins bedeutet den Gott des Himmels und der Erde, zwei die Bundestafeln, drei die Erzväter, vier die Stammmütter, fünf die Bücher der Tora, sechs die Ordnungen der Mischna, sieben die Tage der Woche usw. Jede Strophe beginnt mit einer Frage: Eins, wer weiss es? Zwei, wer weiss es? etc., so dass es den Anschein hat, als sollten die Tischgenossen sich in den Vortrag des Liedes teilen, indem etwa das Familienhaupt der Reihe nach die Fragen stellt und die übrigen, einer nach dem andern, die Antwort geben. Da jede neue Strophe die Symbolik der vorangegangenen wiederholt, schliessen sie alle sehr wirkungsvoll mit dem Jubelrufe: Einzig ist unser Gott im Himmel und auf Erden. Das dritte Lied endlich variiert den Ausspruch, den Hillel einst getan, als er einen Schädel auf dem Wasser schwimmen sah: „Weil du ertränkt hattest, haben sie dich ertränkt; aber auch sie, die dich ertränkt haben, werden ertrinken."81) Gleich diesem Satze Hiliels ist das Lied in aramäischer Sprache abgefasst, von welcher freilich der Verfasser eine recht mangelhafte Kenntnis besass. Es beginnt mit den Worten: Ein Böcklein, ein Böcklein, das mein Vater für zwei Denare verkauft hat, ein Böcklein, ein Böcklein! In der nächsten Strophe wird das arme Böcklein von der Katze gefressen, die dann vom Hunde zerfleischt wird, den später der Stock züchtigt, um seinerseits wieder vom Feuer verbrannt zu werden, das nachher vorn Wasser ausgelöscht wird. In der letzten Strophe erscheint endlich der liebe Gott und streckt den Todesengel nieder, der den Menschen gewürgt hat, welcher das Rind schlachtete, von dem das Wasser, welches dasFeuer ausgelöscht hatte, verzehrt Wörden war. Seine Aufnahme unter die Gesänge des Sederabends hat dieses Volkslied vermutlich dem Umstände zu verdanken, dass man in dem Böcklein Israel erkannt hat, das vom himmlischen Vater zweimal verkauft wurde, erst an die Babylonier, dann an die Römer. Wahrscheinlich ist aber „disebän" statt „desabben" zu lesen. Dann heisst es: Ein Böcklein, das mein Vater für zwei Denare gekauft hat. Die beiden Denare wären die Bundestafeln, die Katze aber und der Hund, der Stock, das Feuer und das Wasser — die Unterdrücker Israels, von denen der eine immer den anderen aufreibt, der eine immer den anderen ablöst, bis endlich der Heilige, gelobt sei er, all dem Würgen ein Ende bereitet. So tritt uns auch hier jener bewundernswürdige, echt jüdische Optimismus entgegen, der in seiner daseinsfrohen Lebensbejahung an den Untergang unseres Volkes nicht glauben kann, der selbst aus den furchtbarsten Todesdrohungen die Verheissung der Unsterblichkeit heraushört. „Leiden will ich auf sie häufen, meine Pfeile an ihnen erschöpfen", so droht die Tora82) dem entarteten Israel. Der Talmud83) indessen versteht: „Meine Pfeile werden zu Ende gehen, ihr aber werdet nicht zu Ende gehen." Bisher hat dieser Optimismus Recht behalten, und er wird wohl auch ferner Recht behalten. Eine Zeitlang glaubten wir, die Pfeile hätten sich bereits erschöpft; nun schwirren sie nach kurzer Unterbrechung wieder mit geschärfter Spitze aul uns nieder. Wir aber raSen uns auf und wehren unverzagt die Angriffe ab, die von allen Seiten gegen unser Heiligstes gerichtet werden. Mit freudigem Erstaunen fühlen selbst die Brüder, die sich dem Vätererbe längst entfremdet wähnten, das jüdische Herz in ihrer Brust sich regen und vermehren die Schar der wackeren Kämpfer, die voll Siegeszuversicht das teuere Vermächtnis mit ihrer ganzen Kraft verteidigen. Mag es immerhin vergiftete Pfeile auf uns regnen — die Pfeile werden zu Ende gehen, wir aber werden nicht zu Ende gehen. 80) S. auch M'chilta zu 13, 14. 81) Abot II 6. 82) 5. B. M. 32, 23. 83) Sota 9 a.