Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Aus der "Jargon"-Welt
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 323 - 324 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583924-2590130--03923-2590210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 1× ep/1000754
OCR text
323 Eva Mirjam: Aus der „Jargon"-Welt. 324 Verlagsunternehmungen, die jeder Tag neu gebiert, an der inneren Emanzipation des Volkes in eigentlichem Sinne, an der inneren Entrechtung des Volkes trotz aller äusseren Entrechtung. Jahrbücher, Sammelwerke, einmal erscheinende Monatshefte, Bücherserien lösen einander in hastiger Folge ab, dass selbst der Fleissigste und — Reichste kaum nachkommen kann. Perez ist wieder auf dem Plan. Er hat einen alten Lieblingsgedanken wieder aufgegriffen und gibt jetzt „Die jüdische Bibliothek" heraus: „ A literarisch - populär - wissenschaftlicher Journal. Zweit Heften jährlich. Zu sechs Druckboigen a Heft". „Und der Programm? — Der Alter! — Bildung? — Gewiss! Es is sehr leicht geben Ezaus (Ratschläge) vun der Heich (Höhe). Schwerer is, dos niedrige zu heiben, es soll allein kuken auf Welt im Leben vun a groisser. Heich". Hoffentlich glückt's. Wenn auch das erste Heft, das in so schmucker Gewandung erschienen ist, seiner ganzen Anlage nach einen höherstehenden, literarisch schon vorgebildeten Leserkreis sich zu Gaste ruft. — — Allein, wenn auch die einzelne Schöpfung untergeht, die Ganzheit der literarischen Verjüngung bleibt bestehen. Mag der Klang verhallen, der Akkord verschweben. Die gewaltige Symphonie des jungen Neulebens braust durch unsere Gemeinschaft und weckt immer frischere Kraft und drängenden Keim zum Lichte empor. Es ist ein Blühen und Sprossen wie selten zuvor, seitdem in den Tagen Herzls der nationaljüdische Gedanke in zionistischer Prägung seinen segnenden Siegeszug begonnen. Er wird auch im Westen wirken — Wunder wirken: denn noch stehen wir da wie Verwaiste. ... MARIE DILLON. Von G. Syrkin (Minsk). In der Reihe jüdischer Künstler darf wohl auch der Name der tüchtigen Bildhauerin Dillon nicht fehlen, von deren Leben und Wirken wir im Nachfolgenden eine Skizze geben wollen. Marie (Minna) Dillon ist im Jahre 1858 in Ponewesh (Gouvernement Kowna) von jüdischen Eltern geboren. Ihr Vater Israel Leib war dort lange Zeit an der Akzise- Verwaltung angestellt, solange dieselbe noch in den Händen von Pächtern war. Im Anfange der 70 er Jahre schaffte die Regierung die Verpachtung des Branntweinhandels ab und mit ihr die Anstellungjüdischer Beamten. B. Dillon siedelte dann nach St. Petersburg über, wo er längere Zeit als Privatadvokat lebte. Diese Uebersiedelung kam Marie sehr zugute. Sie bekam dort eine regelmässige Schulbildung, die auch ihren Kunstsinn weckte. Auf mannigfache Anregung trat sie in die Kaiserliche Akademie der Künste ein, wo sie fleissig arbeitete und für Schülerarbeiten, 5 Jahre hintereinander, silberne Medaillen bekam. Im Jahre 1888 wurde ihr an der Akademie - Ausstellung für ihre Statue „Andromeda" die goldene Medaille und damit der Grad einer freien Künstlerin zugesprochen. M. Dillon ging dann nach Paris und Italien, um dort die Meisterwerke zu studieren. Von jetzt an finden wir in vielen Kunstausstellungen alljährlich ihre Werke, die meist hohe Anerkennung fanden. Viele ihrer Statuetten, Büsten und Studienköpfe sind überall verbreitet. Von ihren Statuen sind hervorzuheben: „Die Verzärtelte", „Die Sklavin", „Die Eigensinnige", dann „Ophelia" und „Tatiana". Von ihren Porträtbüsten sind frappant ähnlich die ihres Vaters und des bekannten hebräischen Dichters Leon Gordon. Sie hat auch viele Denk- und Grabmäler modelliert; so das Denkmal des Kaisers Alexander IL für die Stadt Tschernigow, des russischen Mathematikers Lobatschewski für Kazanj, das Grabmal des Ministers Hybbeneth, des Schriftstellers Danilewski MARIE DILLON. u. v. a.