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Ost und West · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 321 - 322

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Aus der "Jargon"-Welt
Date
1904-05-01
Page
Seite 321 - 322 (sequence 1)
Language
German
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321 322 AUS DER „JARGON"-WELT. Von Eva Mirjam. Der vielgeschmähten und doch so wundersam tiefen und innigen jüdisch-deutschen Sprache ist in unseren Tagen eine Entfaltung ermöglicht, die noch vor einem Jahrzehnt selbst ihre eifrigsten Pfleger und Förderer nicht zu erhoffen gewagt haben. Wenigstens nicht in Europa. Denn in Amerika, wo Hunderttausende unserer Volksbrüder eine neue Heimat gefunden haben, hat auch die alte Sprache eine neue Heimat gefunden. Und sie hat sich dem Ansturm der fremden Sprache gegenüber behauptet, wenn auch das Englisch auf den „Jargon" stark abgefärbt und viele Bildungen in das alte Sprach gut eingepresst hat. Die bürgerliche Emanzipation, die zum Beispiel in Deutschland gleichbedeutend mit der Emanzipation vom Jüdisch-deutschen war, hat in Amerika diesem Idiom, eine ungeahnte EntWickelung gegeben. In der „Freiheit" konnte es sich in einer grossen Reihe von Tageszeitungen ausbauen, weil seine ungewöhnliche Biegsamkeit und Schmiegsamkeit der andringenden Fülle neuer Worte und Begriffe standhielt und sich in diesem Ringkampf steigerte. In Russland haben wir erst seit einem Jahre eine jüdisch-deutsche Tageszeitung: „Der Freind". Welche Wendung seit den Zeiten, da Perez seine „Jontefblättlachs" erscheinen Hess und in Sammelbüchern, wie „Literatur und Lebben" jungen Künstlerkräften Oeffentlichkeit schuf und dem von den alten Büchern zur Gegenwart drängenden, bildungsgierigen Volk geistige Nahrung gab! Das leidenschaftliche Lesebedürfnis der grossen Masse kann jetzt erst für die nationale Erziehung nutzbar gemacht werden. Indem die jüdisch-deutsche Presse die hastigen Ereignisse des Tages registriert, wendet sie den Blick der Masse auf die treibenden Kräfte der Geschichte und schafft mittelbar und unmittelbar Verständnis für Disziplin und Abschleifen der Individualität zum Ganzen, Sinn für die Grundlagen und Voraussetzungen echter Volkskunde und den Antrieb zu moderner Gestaltung eigener nationaler Zukunft: Denn die jüdisch-deutsche Presse bringt nicht wie die „Judenpresse" anderer Länder mit der Bildung zugleich Entfremdung vom Judentum. Belehrung und Aufklärung sollen vielmehr unseren Volksorganismus bereichern und stärken. Es ist ein bedeutsames Zeichen der Zeit, dass heut bereits die zweite Tageszeitung jüdisch - deutscher Sprache in Russland erscheinen kann: „Der Tag". Sie ist aus der ältesten hebräischen Tageszeitung, dem „Hamelitz", hervorgegangen, der nach 42jährigem Bestehen sein Erscheinen einstellt. Er war senil geworden und hatte sich zu einem typischen Philisterblatt herabverödet, so dass der junge literarische Nachwuchs sich von ihm fernhielt. An Lesern hatte es dem Blatt selbst in den letzten Jahren nicht gefehlt. Und es ist wahrscheinlich, dass es wieder verjüngt aufblühen wird, wenn „Der Tag" erst ins rechte Gleis gekommen ist. Wir stehen aber erst am Anfang dieser neuen Entwickelung. Man vergesse nicht, dass es sich um das Lesebedürfnis von 6 Millionen Menschen handelt, von denen immer neue Schichten empordrängen und emporgedrängt werden. In wenigen Jahren schon wird es eine grosse jüdisch-deutsche Journalistik auch in Russland geben. Schon jetzt wird bekannt, dass auch für Odessa eine neue Jargon-Tageszeitung konzessioniert ist, „Die Zeit", die im April erscheinen dürfte, und andere werden folgen. Daneben arbeiten in ihrer Weise kleinere KÄTHE MÜNZER. ABGEORD. DR. MAX HIRSCH.

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