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Ost und West · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 319 - 320

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Ein neues Buch über die Geschichte der deutschen Juden
Date
1904-05-01
Page
Seite 319 - 320 (sequence 4)
Language
German
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319 Dr. Max Eschelbacher: Ein neues Buch über die Geschichte der deutschen Juden. 320 den Sand steckt. Sie gestatteten zwar den Juden, Zinsen zu nehmen, aber sie hüteten sich, in ihren Privilegien den von der Kirche dafür gebrauchten Ausdruck usura zu nehmen, sie ersetzten ibn durch ein anderes, harmloses Wort. Nur der fromme Betrug, den sie dabei übten, unterschied ihre Praxis von der der Juden. Aber ein schwerwiegendes Argument für den Wucher der Juden führt Liebe noch an. Bernhard von Clairvaux habe, so sagt er, anlässlich des zweiten Kreuzzuges für Wuchern das Wort iudaizare gebraucht, das heisst: handeln wie ein Jude. Wer mit Liebes Zitiermethode vertraut ist, wird in einem solchen Fall es nicht für überflüssig finden, die Stelle beim heiligen Bernhard nachzuschlagen, und wird für diese kleine Mühe reichlichen Lohn finden. Denn es steht zwar an der angeführten Stelle das Wort iudaizare, aber es steht noch sehr viel anderes da, was Liebe eigentümlicherweise nicht gesehen hat. Der Mann von Clairvaux sagt nämlich von den Juden, sie ubi desunt, peuis iudaizare jdolemus christianos feneratores, das heisst: Wo die Juden nicht sind, da treiben es die christlichen Wucherer ärger als die Juden. Von des Herrn Liebe Zitaten allen hat mir dieses am besten gefallen. Respekt vor dem Mann! Auf Grund von Aeusserungen Pfefferkorns oder Eisenmengers eine Anklage gegen die Juden erheben, das bringt auch ein einfältiges Gemüt fertig. Der heilige Bernhard aber sagt ja gerade, die jüdischen Wucherer sind zehnmal besser als die christlichen. Daraus den Juden einen Strick zu drehen, dazu gehört schon ein begnadetes Genie, ein grosser Künstler auf dem Gebiet der Journalistik. Nach dieser Abschweifung aber wollen wir wieder ins Mittelalter zurückkehren und über den Wucher der Christen eine andere Leuchte vernehmen, nämlich den Papst Innozenz III. Dieser schreibt in einem Briefe, über Wucherer dürfe man keine Kirchenstrafen verhängen, denn das sei gleichbedeutend mit der Schliessung der Kirchen. Die Deutschen waren sich dieser Verhältnisse auch wohl bewusst, und die zeitgenössische Literatur lässt die Existenz eines behäbigen deutschen Wuchererstandes erkennen. Da wird z. B. erzählt, wie ein Prediger scharf gegen die Wucherer donnerte. Einer davon sass in der Kirche und hörte tief ergriffen zu. Nach Schluss des Gottesdienstes trat er dann an den Geistlichen heran, dankte für die herrliche Predigt und gab ihm einen Gulden. Der Pfarrer, dem solche Anerkennung selten zuteil werden mochte, war nicht wenig erstaunt, aber der andere erklärte ihm: „Ich kan vor den anderen nit zukumen, darumb het ich gern, das sie ab stünden, das ich auch hinzu künt komen." Die Leute, die mit sittlicher Entrüstung über den Wucher der Juden losziehen, sitzen selber in einem Glashause. Es wäre in ihrem eigenen Interesse dringend zu wünschen, dass sie nicht mit Steinen um sich werfen. Wir mögen die Sache betrachten wie wir wollen, es bleibt schliesslich wahr, was Liebe einmal gelegentlich von den Juden sagt: „Sie waren Menschen wie wir, die sich ihrer Haut mit allen Mitteln wehrten, und ihren menschlichen Neigungen, wo sie konnten, die Zügel schiessen Hessen." Sie waren Menschen wie wir, und als letzten Beleg dafür möchten wir aus dem widrigen, rohen Buche auch etwas Hübsches mitteilen, das freilich von seiner Umgebung sich seltsam abhebt, weil hier die Juden einmal einen Augenblick lang nicht auf der Anklagebank sitzen, sondern als Menschen menschlich betrachtet werden. Liebe erzählt, wie die Juden deutsche Volkslieder annahmen, wie sie aber alles, was ihnen daran anstössig war, geschickt korrigierten. So gibt es ein deutsches Schlemmerlied: „Wo soll ich mich hinkehren, ich dummes Brüderlen." Hier heisst es: „Steck an den Schweinebraten, dazu die Hühner jung.44 Die jüdische Aufzeichnung aber hat daraus gemacht: „Steck an den fetten Braten.44 Und in dem Liede vom Schloss in Oesterreich werden als Lösegeld für den gefangenen Knaben dreihundert Gulden gegeben. Das jüdische Lied aber macht aus den dreihundert sechstausend Gulden. Liebe vermutet, wohl nicht ohne Grund, der Geschmack der Juden sei an grösseren Summen geschult gewesen. Wie ganz anders, wie viel gemütlicher und freundlicher erscheint die Geschichte der Juden, wenn man so auf ihr tägliches Leben eingeht. Wer nicht von vornherein annimmt, dass sie als Teufel im Kreise der deutschen Engel umherwandelten, wer vielmehr glaubt, dass beide, Christen und Juden, Menschen waren wie wir, der wir den Isaak, den Levi oder den Moses des 14. Jahrhunderts so liebenswürdig finden, wie nur irgend einen Friedrich oder Heinrich oder Walter aus der gleichen Zeit. Aber das verlangen wir auch, dass man in ihnen Menschen sehe und keine Hunde. Luther, den Liebe für sich reklamiert, hat das Gegenteil empörend gefunden. Das deutsche Volk würde es sich verbitten, wenn man es nach den Landstreichern beurteilen wollte, die daraus hervorgegangen sind, und wir verbitten es uns, dass man als Repräsentanten des Judentums den Jud Süss und seinesgleichen hinstelle. Damit nehmen wir Abschied von Liebes Büchlein. Es kann eine Mission erfüllen, es kann einen Glauben zerstören. Es huldigt mancher Jude in merkwürdiger Verblendung der Ansicht, der Christ, der Aussenstehende, urteile gerecht über das Judentum, der Jude selber sei befangen. Diese Leute mögen Liebes „Werk" lesen, sie werden geheilt. Wenn irgend etwas von unseren viel verkannten Historikern, von Zunz, von Grätz und ihren Nachfolgern, die rechte Schätzung uns geben kann, Jdann ist es das Buch, in dem Herr Liebe seinem Drang nach Wahrheit und nach Gerechtigkeit so seltsamen Ausdruck geliehen hat.

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