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Ost und West · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 313 - 314

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Ein neues Buch über die Geschichte der deutschen Juden
Date
1904-05-01
Page
Seite 313 - 314 (sequence 1)
Language
German
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313 314 EIN NEUES BUCH UEBER DIE GESCHICHTE DER DEUTSCHEN JUDEN. Von Dr. Max Eschelbacher. n. Als Potiphars Weib von Joseph zurückgewiesen worden war, da klagte sie ihn der Verführung an. Und wenn eine mittelalterliche Bürgerschaft ihre Juden erschlagen hatte, dann erzählten ihre Chronisten nachher, die Ermordeten hätten Christenkinder geschlachtet und seien dafür von der gerechten Strafe ereilt worden. So gibt nicht immer ein Vergehen des Beschuldigten den Anstoss zu einer Anklage, sondern oft genug nur das böse Gewissen des Klägers. Aus einer ähnlichen Stimmung heraus scheint auch Liebes Buch erwachsen zu sein. Was die Juden in Deutschland im Mittelalter zu leiden hatten, ist grauenhaft. Nicht wunderbar, sondern nur natürlich ist es, was Liebe beklagt, dass nämlich ihre Geschichte oft vom Standpunkt des Mitleids aus geschrieben wurde, und dass die Menschen des Mittelalters dann wie sinnlos wütende Barbaren erscheinen. Diese Auffassung hält Liebe für falsch, aber nach dem Grundsatz, dass die beste Deckung der Hieb sei, verteidigt er die Deutschen, indem er die Juden angreift. Dieser Wunsch tritt sehr klar hervor, aber gerade dadurch verlieren Liebes Ausführungen ihren Wert. Freilich muss er anerkennen, dass das deutsche Volk viel an den Juden gesündigt hat, aber da ist er in seiner Darstellung merkwürdig mild. Interessant für die psychologische Beurteilung dieses Autots ist die Art, wie er mit all dem Scheusslichen sich abfindet. Mit grösster Eleganz lässt er alles Niederträchtige als harmlos, ja als natürlich erscheinen. Es erinnern seine Mitteilungen darüber an die Sprüche eines modernen Kriegsgerichts. Der erbärmlichste Leuteschinder bekommt zwei Wochen Mittelarrest. Der Soldat, der ihm die verdiente Ohrfeige giebt, bekommt dreimal so viele Jahre Zuchthaus. In ähnliches Missverhältnis setzt Liebe Schuld und Verurteilung bei Deutschen und bei Juden. Sehr wohlwollend betrachtet er die Schirmvogtei der deutschen Könige über die Juden. Diese waren schon kraft ihres Amtes die Hüter der Schwachen, und die Juden mussten noch dazu den Schutz, den sie gemessen sollten, sehr teuer erkaufen. Jene aber sahen nach Kaiser Maximilians Wort in ihnen nur die Hühner, die goldene Eier legen. Daran erinnert Liebe mit den kostbaren Worten: „Die Möglichkeit, Geld flüssig zu machen, war für die Städte nicht minder wichtig, wie für die Fürsten, wobei nicht zu leugnen ist, dass die Anleihen öfters zwangsweise erfolgten." Was Liebe hier „Anleihe" betitelt, war in Wahrheit Diebstahl im Namen des Gesetzes. Wenn es den Landesherrn etwas einbrachte, erklärten sie mit Vergnügen die Forderungen der Juden für erloschen. So annullierte 1385 Wenzel ihre Schuldbriefe, nicht, um dem armen Volke zu helfen, sondern nur, weil dabei 40 000 Gulden für ihn herauskamen. Die Stadt Nürnberg, mit der er sich in den Raub teilte, gewann 80000 Gulden. Für diese Staatskunst der gekrönten Gauner hat Liebe nur den milden Tadel: „Wie die Gegenleistung des Schutzes allmählich sich verflüchtigte, dafür liefern die ungestraft gegen Leib und Gut der Kammerknechte geübten Schädigungen den traurigen Beweis." Ebenso verschämt urteilt er über ein anderes Kind des schönen Mittelalters, über den Judeneid. Diesen möglichst schmachvoll zu gestalten, war die Sehnsucht der Juristen und des Volkes. Den Schwachen gegenüber konnte ihre brutale Roheit sich leicht austoben. Der Schwabenspiegel verlangt darum, der Jude müsse auf eine Sauhaut treten, dort solle er dann allerhand grässliche Verwünschungen auf sich herabrufen. Die Schlesier hatten einen anderen Brauch. Dort musste der Schwörende sein Tallith anziehen und auf einen dreibeinigen Stuhl sich stellen. Dann musste er das Gesicht gegen die Sonne wenden und sich gleichfalls verfluchen. Schwache Leute fielen leicht vom Stuhl herunter, die mussten dann einen Schilling Strafe zahlen. Wer gar viermal fiel, der hattte den Prozess von vornherein verloren. So musste der Jude Gott zum Zeugen anrufen! Liebe deutet das an mit der harmlosen Phrase: „Im Laufe der Zeit nahmen die Förmlichkeiten eine mehr und mehr entwürdigende Gestalt an." Auch bei anderer Gelegenheit breitet er, der den Juden auf Schritt und Tritt Nadelstiche beibringen möchte, gern einen Schleier über die Versündigungen von der anderen Seite. In Korneuburg in Oesterreich wurden 1305 zehn Juden wegen angeblicher Hostienschändung verbrannt. Sie beteuerten ihre Unschuld bis zuletzt, doch ohne Erfolg, die Hostie aber wurde nach der Kirche gebracht und wirkte da viele Mirakel. Schon mochten sich die Korneuburger in der Hoffnung wiegen, dass ihre Stadt einst ein blühender Wallfahrtsort sein werde, als die Herrlichkeit ein jähes Ende nahm. Ein Diener des Herrn wurde nämlich in dem Augenblick attrappiert, wo er die von Würmern zernagte blutige Oblate durch eine frische ebenfalls blutig gemachte ersetzte, und da stellte es sich dann heraus, dass die erste, wegen deren die Juden hatten sterben müssen, in gleicher Weise von einem Priester präpariert worden war. Dass solche Geschichten vorkommen, deutet Liebe mit zarten Worten an: „Solche Beschuldigungen sind nur ein Mäntelehen, dessen man zu bedürfen glaubte, um die wirtschaftlichen Hebel der Bewegung zu verdecken." Mit solchen Euphemismen spricht von dem Entsetzlichsten der Mann, der es als ein Verbrechen der Frankfurter Juden ansieht, dass sie trotz entgegen-

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