Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Die Tochter
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 285 - 286 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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285 H. Samuel: Die Tochter. 286 den sie um die Hüften trug, und ihre Schuhe standen da, winzige Schuhe. Er hatte nicht gewusst, dass sie so kleine Füsse hatte. Und er küsste alles heiss und gierig, wie wenn es Leben hätte, Kleider und Gürtel und die kleinen Schuhe, mit unzähligen Küssen. Und plötzlich musste er an den Morgen denken, an dem sie sich zum erstenmal weigerte, in seiner Gegenwart sich anzukleiden. Nicht eher erhob sie sich aus dem Bette, als bis er das Zimmer verlassen hatte. Und als sie ihn später sah, wurde sie rot. So stand er vor ihren Kleidern, und in seinem Herzen begann die Klage zu toben: Die Erde bedeckt sie, und sie war jung und schön und sah blühend aus in ihren Kleidern, und zierlich schritt sie in schmalen Schuhen. Und Tag für Tag ging sie in den Garten und heftete eine Rose oder eine andere Blume an ihren Gürtel. Wo sie lachte, wurde es hell. Nun werden die Blumen im Garten welken, und niemand wird sie pflücken, die Schuhe und Kleider wird niemand tragen. Sie werden keinen Zweck mehr haben, wie mein Leben. Am Abend war ich glücklich, weil ich wusste, dass sie am nächsten Tage lachen würde, und am Morgen freute ich mich ihrer Frische. Was ich besass, hätte ich ihr gegeben, damit sie glücklich würde, und sie hätte mir Enkel geboren, und ich wäre jung mit ihnen geworden. — Nun habe ich nichts mehr zu lieben. M. COSCHELL. STUDIE. M. COSCHELL: KOMPONIST RICHARD VON GOLDBERGER. Ein Lampenschein kam ins Zimmer. Seine Frau trat in die Tür, die Lampe in der Hand, sie fürchtete für ihn. Er brach in Tränen aus: „Für wen soll ich noch arbeiten?" Sie sah ihn lange schmerzlich an, die Augen feucht, und nahm seine Hand wie die eines Kindes: „Ich bin doch bei dir." Da wusste er, dass sie glücklicher war als er, denn sie hatte an ihm ein Wesen, für das sie Zärtlichkeit empfand wie eine Mutter, Er sah ihr ins früh verblühte Gesicht und wünschte, sie könnte ihm mehr sein, als eine Frau, die neben ihm lebte. Und während er das dachte, streichelte er ihre Hand, wie aus Dankbarkeit. Aber zugleich wurde sein Leid um die Tote so gross, dass er aufschrie wie ein Totwunder. So hat auch sie gelitten, kam es ihm dann in den Sinn, und sie hat unsrer nicht geachtet, als sie in den Tod ging, wie ich ihre Mutter nicht achte, jetzt, wo ich um sie trauere. Und ihm war, als wären zwei Welten auf Erden, eine voll Licht, Glück und Freude, und die lag draussen, wo der Mond glänzte, der Garten blühte und ein Lied durch die Nacht kam, und in dieser Welt war Gott, und eine andere, finster und schwer, voll grenzenlosen Leides, leer von Gott und verworfen, und in dieser Welt waren er und sein Kind die Elendesten.