Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Die Tochter
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 283 - 284 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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\ ^83 H. Samuel: Die Tochter. 284 alle, dass sie aus Liebe ums Leben kam, kaum einer aber kannte die Liebe und hatte erfahren, wie sehr sie schmerzen konnte. Einen Tag nach der Beerdigung reisten die Verwandten. Sie tröstetenBrieger mit tausend Trostsprüchen, und einer sagte, er erhob die Stimme dabei: „Gott hat es gegeben , und Gott hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt. Und dann reiste ei\ heim zu Frau und Kindern und freute sich in Gedanken seiner Heimkehr, wie seine Kleinen ihm entgegenlaufen würden, freudig und erregt, und wie er sie zu sich emporheben würde, um sie zu küssen. Und sie würden mit den Beinchen strampeln und ungebärdig seinen Bart fassen.------ Als das Haus am späten Nachmittag leer geworden war, überwältigte Brieger der Schmerz. Er erhob sich von der niedrigen, gelb polierten Bank, auf der er gesessen hatte, und die seit drei Tagen fremd unter den traulichen Möbeln der Wohnstube stand, und ging in den Laden. Er sah die Bücher durch und verkaufte Tuch und Herrenstoffe, bis er zu einem Kleide zwei Meter zu wenig zumass, da legte er die alte Elle hin, ging vor die Tür und stellte sich auf die Schwelle, obwohl die Sonne nicht schien. Und wenn ihn die Leute grüssten, wie alle Tage, erwiderte er den Gruss nicht. Er sah die Menschen vorbeiziehen, wie man im Traum unter einer Menge steht und doch allein ist, wie dumpfe Tiere, mit denen man nichts gemein hat, und die ein dunkler Trieb drängt, die Strasse zu gehen, die sie wandeln, er sah ihre Bewegungen und verstand sie nicht, aber die Bäume am Brunnen sah er, und sie waren grün wie sonst und blühten wie sonst, und er hörte das Wasser plätschern, wenn es aus dem Brunnen floss, und die Uhr am Rathaus schlagen, vier leise Töne und sechs scharfe, höhere, wie alle Tage zuvor. Da dachte er sich einen Augenblick: Sie ist nur weggegangen und wird wiederkommen, leichten Ganges und das Kleid gerafft, und wenn sie mich in der Türe sieht, wird sie von weitem schon lachen und mit der Hand winken. Dann sagt sie guten Abend und erzählt, dass sie bei einer Freundin gewesen ist, die alles weiss, was sich in den letzten Stunden in der Stadt zugetragen hat. Sie kam aber nicht und würde nie mehr kommen. Und es würde Nacht werden und wieder Morgen. Statt ihrer kamen Juden der Stadt, um in seinem Hause das Abendgebet zu verrichten, Kaufleute und Gymnasiasten der unteren Klassen, die der höheren glaubten lange nichts mehr, teils aus Ueberzeugung und dann, weil es modern war. Es waren weit über zehn männliche Wesen, denn er galt ja für reich. Er führte sie ins Wohnzimmer, setzte seinen Hut auf,begann vorzubeten, tonlos und gleichgültig, und machte die vorgeschriebenen Verbeugungen im Gebet. Warum er das alles tat, wusste er selber kaum; vielleicht, damit er eine Stunde Menschen um sich hatte. Denn sein Gebet war kein Danken und Bitten. Seit dreiTagen wusste sein Herz, es gibt keinen Gott. Gab es einen Gott, wenn sein Kind im Wasser umkam und vorher einLeid trug, dasihrHerz zerriss? Sein Herz verlangte keine Antwort, nur sein Kopf dachte bitter und höhnisch: O, ein gütiger Gott, ein barmherziger Gott, der den Menschen die Herzen zerreisst, dass sie das Leben verfluchen. Aber während er dieses dachte, stand sein Leid still, denn das Summen der Gebete erfüllie das Zimmer wie ein seltsam trauliches Heimatlied und sang wohltätig seinen Schmerz ein. Dann kam die Stunde, die er fürchtete. Sein Weib rief ihn zum Abendessen, und sie sassen sich gegenüber und sprachen kein Wort. Sie ass, um ihn dazu zu veranlassen. Er nahm eine Schnitte Brot, biss hinein und legte sie wieder hin, das Essen widerstand ihm. Sonst hatte sie abends mit ihnen zusammengesessen, er meinte, er sähe sie noch und hatte mit flinken Fingern zugegriffen. Die Wände hatten ihre Stimme gehört und die Stühle^ ihren jungen Leib getragen. Aus diesem Zimmer war sie fortgegangen, niemand wusste von ihrem Leide, und niemand wusste, wohin sie ging, und dann hatte sie das Wasser erstickt, wie eine Katze, die man in einen Tümpel wirft, wenn sie alt wird. Er fuhr auf. Frau Brieger wurde in den Laden gerufen zu einer Kundin, die von ihr bedient sein wollte, und die zu gleicher Zeit ihr herzliches Beileid aussprach: Es hat uns so tief erschüttert. Da hielt es ihn nicht mehr in der einsamen Stube. Er wollte ihr näher sein und ging in das Zimmer, in dem sie geschlafen hatte, als sie noch, lebte. Es sah auf den Garten hinaus, und die Fenster standen offen, der Flieder blühte, die Nacht war hell. Unberührt stand das Bett, seit sie starb. Hier hatte sie ihre stillen Träume geträumt und oft in die Kissen geschluchzt, wenn niemand es hörte. Nebenan stand ihr Schrank, braun und zierlich.. Er öffnete ihn. , Da hing ein helles Frühlingskleid und ein dunkelblauer Rock und ein gelber Gürtel mit silberner Schnalle,