Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-04-01 · Heft 4 (April 1904) · p. Seite 265 - 266

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 4 (April 1904)
Article
Die Haggadah von Mantua (1560)
Date
1904-04-01
Page
Seite 265 - 266 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583923-2590031--03858-2590086
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

265 266 DIE HAGGADAH VON MANTUA (1560). Von Dr. Theodor Zlocisti. Die wissenschaftliche Untersuchung der seltsamen und in intimstem Sinne Volksbuch gewordenen Passahhaggadah, die als Haggadah schlechtweg angesprochen wird, dürfte in den wesentlichen Punkten als abgeschlossen gelten. Die einzelnen Stücke sind zumeist auf die Quellen zurückgeführt; die Abweichungen von den Urstellen in ihren zeitlichen und kulturellen Bedingtheiten erkannt. Die Entstehung des wundersamen Kranzes der Volksbräuche, die den Sederabeiid durchranken, aus historischen Erinnerungen und symbolisch-allegorischen Vorstellungen entwickelt. Und ist auch manche Einzelheit noch nicht völlig geklärt, herrscht noch über das Eindringen modernerer Zusätze und ihrer Quellen wie des lieben Chadgadja, Adir huh, und der kindlich-tiefen Zahlenspielerei des Echod ani jaudeia manche Kontroverse, so hat doch die literaturgeschichtliche Forschung ihre Hauptarbeit an der Haggadah beendet. Wir können heut das weite Gebiet übersehen, nachdem M. Steinschneider in seinem Catalogus Bodlejanus, dieser schier unerschöpflichen Fundgrube für jüdische Studien, die Vorarbeiten de Rossfs und Wolfs ausbauend, auch die bibliographische Aufstellung des Besitzstandes an Haggadahwerken vorgezeichnet und zuletzt S. Wiener in seiner „Bibliographie des Osterhaggadah 1500—1900" der Petersburger Akademie das ganze, bekannt gewordene Material in zeitlicher Ordnung vorgelegt hat. Damit ist auch die Möglichkeit erschlossen, über die rein literaturgeschichtlichen Tatsachen zu zeitpsychologischen Erkenntnissen und vor allem zur ästhetischen Würdigung des Werkes vorzudringen. Und gerade an der ästhetischen Untersuchung unseres Schrifttums gebricht -es uns so sehr. Zierbuchstabe. Haggadah von Mantua. Die Hasenjagd. Haggadah von Mantua. Sie könnte erst unsere Literaturschätze in den lebendigen Besitzstand unserer Volkes-Werke einfügen. Zumal die Haggadah, dieser Garten, hochphantastisch. In der Haggadah wurzelt alle jüdische Kunst der Diaspora. Was unsere Weisen in verträumten Stunden lebten, ihre leisen Hoffnungen und die schwarzen Sorgen der Stunden, das muntere Reigenspiel der Phantasie, die die harten Dinge der Welt und die noch härteren Gedanken so goldig und weich umsäumte, das ward zur Haggadah. Und wenn man von dem Eigenleben des Haggadisten vordringen will in die leidende und treibende jüdische Volksseele, dann wird man jene Haggadahs suchen, die Gemeingut des Volkes wurden. Aber wir besitzen keine, die in höherem und umfassenderem Sinne Volksgut wurde, als die Passahhaggadah. Sie war kein heiliges Buch. Kein Buch, in dem sich — auch nur in den phantastischen Vorstellungskreisen der Masse — die Gottheit offenbarte. Allein es war eine Offenbarung der Volksseele. Und darin lag das tiefe Geheimnis seiner rückwirkenden Kraft auf die Nation. Jedem in der Gemeinschaft Israels war es lieb und teuer; jedem koste es mit seinen Mären und Sprüchen und Sängen das Weh aus der Brust und senkte ihm die lüsternen Wonnen goldiger Zukunftshoffnung ins blutende Herz. Es war ein Buch von jenem seltenen Beiz, der Kinder und Grosse, Frauen und Männer, die Armut und den Reichtum, Gelehrte und den schlichten Menschen bannte. Jeder fand sich drinnen wieder; jeder richtete sich dran empor — ein Buch zugleich individuellsten Gepräges und doch umfassend national. So hat auch dieses Lieblingsbuch der Juden, das sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.