Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- M. Coschell
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 247 - 248 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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247 2-48; M. COSCHELL Von Georg Hermann. Man sollte eigentlich nicht über Künstler ausführlich schreiben, bevor sie in der Kurve ihrer Entwickelung, in der Wurfbahn ihrer Begabung eine gewisse Stelle, eine gewisse Höhe erreicht haben, bevor man nicht einen Ueberblick hat über das, was im Bereich ihrer Möglichkeit liegt; denn, wie Emerson einmal sagt, in dem Kopf der Schlange ruht ihre Begrenzung und ihr Schicksal, darüber hinaus kann sie nicht; sie ist hineingebannt in eherne Wände, eben dadurch, dass ihr die Natur einen Kopf von dieser Form, mit dieser Hirnmenge und Hirnsubstanz gab. Wenn ein Künstler auf einer gewissen Stufe seines Schaffens steht, so sehe ich deutlich seinen „Kopf", weiss seine Wege und kenne seine Ausdehnungsfähigkeit. So wenig wie wir von Disteln Feigen pflücken werden, wird er Kunstwerke von Wert und bleibender Bedeutunggeben, die Grenzen der Verbildlichung wird er nicht weiter rücken, in neue seelische Tiefen wird er nicht schürfen; und jener hingegen ist unberechenbar wie .die Bahn eines Kometen, ein Kerl voll neuer Möglichkeiten; niemand, nicht einmal er selbst, weiss, was er noch geben wird. Nehmenwir Künstler des Wortes, so sind Strindberg, Hamsun, vielleicht auch Gerhard Hauptmann, Schnitzler, solche Kometen, deren Bahn niemand ahnen kann; von Malern ist Ludwig von Hofmann ein Versprechen, ungekannter, niegesehener Schönheiten voll. Zwanzig, hundert Namen will ich dagegenhalten, deren Weg so klar vor mir liegt wie eine langweilige Chaussee in der Mittagssonne. Ueber beide Arten von Künstlern darf man mit gutem Gewissen reden. Aber über einen Mann, wie den, von dem ich jetzt sprechen will, ist es schwer, etwas zu sagen. Er ist noch nicht an jener Stelle, von der aus man die Bahn der Kurve erkennen kann, und man kann nicht M. COSCHELL, sagen, ob sie von der landläufigen abweichen wird. Er hat plötzlich einen starken Sprung getan, einen Ruck vorwärts, er ist im Beginn der Entfaltung, gibt Proben ernsten, tüchtigen Könnens, und doch, es kann noch alles und nichts werden. Coschell hat erst eben sich selbst gefunden. Bis vor kurzem war er der begabte junge Maler, der protegiert wird auf den Lehranstalten, Preise erhält, heute findet, dass die alten Meister einen Akt sorgsam durchstudierten, und infolgedessen sich befleissigt, das ebenfalls zu tun, während er morgen angenehm davon berührt ist, wie fein die Schotten mit einem grauen Ton die paar Farben eines Bildnisses zusammenhalten, und nun sieht, ob ihm das nicht auch gelingen will. Bis er eines schönen Tages zu der Erkenntnis kommt, dass ihm das gar nichts nützen kann, dass die Schotten so malen aus ganz anderen Voraussetzungen heraus, und die Alten auch unter ganz anderem Gesichtswinkel schufen. Er aber gehört einer ganz neuen Gesellschaft an, hat eine neue Kultur, neues Fühlen, Erlebnisse, und er muss seinen eigenen Weg gehen; er tritt nun der Welt gegenüber, sucht sich seine Probleme und gibt sich Mühe zu vergessen, was er gelernt hat. Während er erst auf irgend eine altmeisterliche oder moderne Wirkung hinarbeitete, die Natur übersetzte, versucht er jetzt vor allem die Impression, den Eindruck, die lebendige Aeusserung des Lebens zu halten; er malt hell, sehr hell und farbig, er schafft Bildnisse von schönen Frauen, x\estheten, Kritikern, Schauspielern, mit der ganzen Nervosität des Gesellschaftsmenschen, des Modernen, der den Sinn hat für alle Regsamkeit und Eleganz der verfeinerten Lebensführung, und — der Geschmack daran findet. Es ist ein neuer, eigener mondainer Stil in diesen Dingen, eine