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Ost und West · 1904-04-01 · Heft 4 (April 1904) · p. Seite 219 - 220

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 4 (April 1904)
Article
Die Situation im Zionismus
Date
1904-04-01
Page
Seite 219 - 220 (sequence 2)
Language
German
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219 Elias Auerbach: Die Situation im Zionismus. 220 Blicke auf das grosse Ziel zu sehen. Dann aber führt auch ein Weg aus der Wirrnis zur Einigkeit. * * * Mit welchen Gedanken kamen die Delegierten zum Kongress? Es ist schwer, sich alles, was folgte, hinwegzudenken, aber versuchen wir es. Sieht man von den vielen ab, die nur kamen, um zu hören, was der Kongress ihnen bringen würde, so gab es doch eine Anzahl von bestimmten und auch von undeutlich begrenzten Forderungen und Klagen gegen die Leitung der Bewegung. Aber Missstände lassen sich beseitigen, wenn man sie ernsthaft erörtert, und die bestehenden Klagen allein hätten niemals zu einem derartig scharfen Konflikte geführt, wie er in der Folge entstand. Darum erhob sich, als Nossig das ganze Material der Kritik in einer übertreibenden Weise zusammenfasste und zu einem organisierten, masslosen, fast gehässigen Angriffe auf die Leitung des Zionismus verdichtete, nur eine Stimme der Entrüstung, ja mancher Oppositionelle liess alle seine Vorwürfe und Beschwerden einfach fallen, um nicht mit Nossig zusammengestellt zu werden. Und es hätte wohl geschehen können, dass wir einen auffallend einträchtigen Kongress erlebten — wenn nicht das Ostafrikaprojekt dazwischen gekommen wäre. Herzl trug das Anerbieten Englands vor. Alle, die wir es hörten, waren zunächst betäubt. Nicht viele können sich in sechs Tagen in ganz neue Fragen einleben, und so kam der Sturm erst nach dem Kongress. Dieser denkwürdige, ungeheure Aufruhr der zionistischen Meinungen! Sein wichtigstes Ergebnis war: Schwere Vorwürfe wurden der Leitung der Bewegung wegen der Vorlegung dieses Projektes gemacht, und ein nagender Zweifel kam zum erstenmal seit dem Bestehen der zionistischen Bewegung zum lauten und öffentlichen Ausdruck, der Zweifel daran, dass unsere Leitung fest zum Baseler Programm halte. Zu diesem ehernen Baseler Programm, das nur in Palästina eine Heimstätte für das jüdische Volk schaffen will. Es hiess jetzt, besonders in Osteuropa, Herzl, der Verfasser des „Judenstaates", hält noch immer die politische Autonomie für die Hauptsache, den Ort der Heimstätte für nebensächlich. Jetzt kamen von allen Seiten die alten Klagen aus ihren Schlupfwinkeln hervor. Was früher die isolierte Beschwerde eines einzelnen oder einer Gruppe gewesen war, das wurde jetzt ein Satz in einer grossen zusammenhängenden Anklageschrift. Herzl ist ein Autokrat, das grosse Aktionskomitee ist bisher gröblich vernachlässigt worden, es hätte viele falsche Schritte verhindern können, der osteuropäischen Hauptmasse des Zionismus ist der ihr gebührende Einfluss vorenthalten worden, wir tun in Palästina nichts, ja hindern die Gegenwartsarbeit, die Aufsicht über die Tätigkeit der jüdischen Kolonialbank in zionistischem Sinne ist ungenügend, und so häufte sich weiter eins aufs andere. Der Zweifel in den grundlegenden Fragen, das war der Boden, auf dem jede Missstimmung üppig gedieh. Tausend kleinliche Dinge sind von hüben und drüben noch seitdem hinzugetragen worden. Will man sich nicht den freien Gesichtskreis rettungslos verbauen, so halte man sich nicht an uferloses Gezänk, wie es während des Streites entsteht. Die Hauptsätze aber sind: 1. Es besteht ein Misstrauen in die zionistische Gesinnung der Parteileitung. 2. Das Ostafrikaprojekt war nur eine GelegenheitsUrsache, die den aufgehäuften Zündstoff in Flammen setzte. * * * Zunächst aber noch eins: Wer ist „die Parteileitung", die angegriffen wird? Nicht das Aktionskomitee, denn von einem Teile dieser Körperschaft geht ja der Angriff aus. Auch nicht einzelne seiner Mitglieder, denn man weiss, dass mit keinem das Wohl und Wehe der Bewegung so innig verknüpft ist, dass um seinetwillen sich ein solcher Sturm erheben könnte. Sondern nur ein Mann ist gemeint: Theodor Herzl. Mag der Streit noch so unpersönlich sein, es bleibt doch wahr: wenn man sagt, die Leitung wolle nur einen Judenstaat, so heisst das, Herzl will nur einen Judenstaat. Wenn man sagt, die Leitung vernachlässige die Arbeit in Palästina, so heisst das, Herzl vernachlässigt die Arbeit in Palästina. Und darum fordern wir als ein Gebot der Gerechtigkeit, dass Herzls Anschauungen nur nach Herzls Aeusserungen beurteilt werden. Kein anderer ist befugt, durch seine Aussprüche unser Vertrauen zu Herzl zu erschüttern. Oft hörten wir: Greenberg oder Zangwill haben das und das gesagt, so denkt also die Leitung. Diese Kampfesmethode ist nicht ehrlich, oder gelinde gesagt, nicht zulässig, denn man greift ja nicht Greenberg oder Zangwill an, deren Meinung für

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