Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Mazzoh
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 203 - 204 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Ehrlich: Mazzoh. 204 — Mazzaus! (wiederholte er) Mazzaus werden schon sein. Wir werden am Pesach kein Chomez essen. Und er warf seine schmutzige Schürze von sich, zog sich den Ueberrock an und brummte etwas vor sich hin. Und schwer rang seine Brust nach Atem. Sie sah ihm unruhig zu, wie er sich auf den Schemel stellte und vom Kaminbrett den Samowar herunternahm. Das hatte sie nicht erwartet! Der Samowar! Der Samowar! Sie hätte aufschreien mögen, aber die Zunge war ihr wie gelähmt. Aber als Berl schon auf der Gasse war, brach sie zusammen und rang die Hände und schrie: Der SamowarI Und sie beweinte ihn, wie man einen Toten beweint — einen Toten, mit dem man eben noch gesprochen und mit dem man zusammen gute Stunden verlebt ... DELILAS TANZ. Von Richard Huldschiner. Am Bache Sorek stand das Haus der Buhlerin Delila. Es hatte ein flaches Dach, auf dem in warmen Sommernächten das Feuer der Göttin Astarte brannte, zum Zeichen, dass niemand sich nahen durfte, der den Kampf mit einem Gewaltigen scheute. Das Feuer, von wohlriechenden Hölzern genährt, brannte mit rubinroter Flamme still und gerade zum schweren Himmel empor. Von fernher sah man es; und wer es sah, ballte die Faust in ohnmächtigem Grimm, und war der Zorn verraucht, so kam ein kalter Schauer, der auch den Mutigsten erblassen machte, denn das Feuer brannte wie eine Faust, rot von rauchendem Blute, wie eine Faust, zum tödlichen Schlage erhoben, auf dem flachen Dache des Hauses. Durch die stille Nacht drang Harfenspiel vom Bache Sorek herüber, Cimbalschlagen und girrendes Lachen . . . Schwere Vorhänge schlössen die Pforte ab, dunkelgrün, mit Gold durchwoben. Keine Tür, kein Riegel verwehrte den Eintritt. Aber kein Mann trat in dieses Haus, ausser einem . . ., und wenn er kam bei sinkender Nacht, dann stieg die rote Flamme auf dem Dache des Hauses mächtig empor. Auf Marmorbänken lagen purpurne Decken und seidene Kissen, weich und kühl wie frisch gefallener Schnee, in kupfernen Kesseln dufteten die Körner des Weihrauchs, mit Hanna vermischt, das der Luft die Süsse des Honigs und sterbender Blütenkelche gibt. An der Decke des stillen Gemaches aber war ein kreisrunder Ausschnitt; da schaute der Sternenhimmel herein; und wenn vom Bache Sorek herüber ein kühler Luftzug kam, dann wallte das Feuer der Göttin Astarte, der Atembeklemmenden, auf und sandte roten Schein, Abglanz von Blut und gierigen Lippen, in das Gemäch hinab. In einer Ecke, unter bunten Vorhängen fast vergraben, stand ein Bild von rotem Marmor. Sein Blick war wie Feuer, das unter dünner Aschenschicht hervorglimmt, sein Blick war wie ein Pfeil, der leise surrend die Luft zerteilt und in weichen Leibern die Quellen des heissen Blutes erschliesst, unausweichlich, marternd, tödlich . . . „Astarte, Aschera, Hadacha, du mit den heissen Händen, du mit dem Feuerblick, du mit den kalten, erbarmungslosen Lippen, Sieghafte du, gib mir den Feind in meine Macht, nimm ihm die Kraft in meinen Armen. Dein Feuer lodert auf dem Dache meines Hauses. Gib mir die Stärke deines Feuers, auf dass die Söhne unseres Volkes auf seinen Nacken treten können, auf den Nacken jenes, den ich hasse und liebe. Sein Arm ist stark, und sein Blick ist heiss, und wTenn er mich umfasst, so lodert dein Feuer auf, röter als Blut, röter als der Glanz der Abendsonne auf dem Berge Garizim. Hadacha, Stillwütende, schlage den starken Arm um seinen Hals, dass ich sehe, wie sein Auge bricht . . ." Die Nacht brach herein, und still erschauernd erhob sich Delila von ihren Knien. Von den Wiesen jenseits des Baches scholl das Gebrüll heimkehrender Rinder herüber, ein eherner Streitwagen rasselte donnernd über die Felsenstrasse, die zur Stadt führte, in nebligen Auen hob sich schrillend der Ruf unzähliger Zikaden. Das letzte Rot des Abends erlosch im Westen über den Ebenen, die langen, gelben Streifen des fliehenden Lichtes versanken im Meer, und die Sterne sahen schon rätselhaft leuchtend hinab in das Gemach des geschmückten Weibes, das