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Ost und West · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. Seite 199 - 200

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Mazzoh
Date
1904-03-01
Page
Seite 199 - 200 (sequence 2)
Language
German
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199 M. Ehrlich: ]\lazzoh. 200 vSinnen. Und Schuh und Hammer sanken ihm aus der schlaffen Hand ... Gegenüber an der Wand war ein Brett angeschlagen. Es war der Ehrenplatz für das Geschirr. An der Ecke standen ein paar eiserne Kochtöpfe, ein fünfarmiger Leuchter aus Blech, und dann, dann — eine Lücke. Dort standen einmal drei schöne, blinkende Messingleuchter. Standen einmal . . . Und an der anderen Ecke des Brettes steht noch ein Samowar. So oft Berl die Lücke sah, kamen ihm traurige Gedanken. Zur Hochzeit hatte er die Leuchter von einem reichen Vetter als Hochzeitsgabe bekommen. Und all die Sabbate und Feiertage erfreuten sie sein Herz, wenn sie mit den fröhlich brennenden Lichtern prunkend auf dem Tische standen, als wollten sie sagen: wer kann sich uns vergleichen? Und diese Leuchter hat ein Pesach vor vielen Jahren verschlungen. Und wo sie standen, die Stelle auf dem Kaminbrett, sie ist nun leer. — Und es ist Berl, so oft er sie sieht, als ob eine verborgene dunkle Seele dort Schiwoh sässe . t . Das war vor vielen Jahren, als er sie zu Seelig, dem Pfandleiher, gebracht, wo sie jetzt im Dunkeln verrosten. Und was war vor zwei Jahren? Damals hatte er seinen sabbatlichen Ueberzieher hingebracht, den er sich zu seiner Hochzeit hatte machen lassen. Nun ist er wohl schon lange zerfallen bei Seelig im dunklen Zimmer. Damals hatte er gehofft, dass er bald nach Pesach, sobald er die ersten Rubel bekäme, den Ueberzieher würde einlösen können. — Und die Leuchter? — Und was war das Ende? Niemals hat er übriges Geld gehabt. Die Zinsen wachsen, die Schuld wird grösser . . . Mag Seelig glücklich werden mit dem Ueberzieher! Und was wird er in diesem Jahre tun? Die Frage schwirrt ihm durch den Kopf. Was ist dieses Jahr ausgezeichnet vor allen andern? Auch heute ist kein Geld da für Mazzaus, wenn man mit einem Mal gleich einige Rubel hergeben soll. Verzweifelt sieht er auf den leeren Fleck, und sein Auge fällt auf den Samowar. Und blitzartig huscht ihm ein Gedanke durch den Köpf und Zittern schüttelt seine Glieder. Er senkt die Augen, als fürchte er, dorthin zu schauen. Erst der Ueberzieher, dann die Leuchter und jetzt der Samowar, und was dann? . . Seine Augen schwirren durchs Zimmer, als wollten sie suchen, was es noch birgt, und wie oft es noch zum Pesach reichen wird. . . Er sieht ein paar Kissen, und voll Unruhe und Scham schliessen sich seine Augen. Alte Erinnerungen steigen in ihm auf, die er vergeblich niederzwingen will. Er reibt sich, mit einer schwieligen Arbeitshand die Stirn. An seine Kinder muss er denken, die beiden Buben, und das Mädchen, die harmlos auf der Gasse spielen. Und dann denkt er an jenes Kind, das in Schmerzen sich gewunden, und das nun glücklich und still ist — auf einer andern Welt. Es wäre heute schon ein Mädchen von acht Jahren gewesen; hätte er's doch heut' noch besessen! Und er rafft sich wieder empor, von all den trüben, dummen Gedanken fort, und mit einein kräftigen Ruck nimmt er seine Arbeit wieder auf. Und als wollte er seine Gedanken zerstreuen, reibt er mit der Feile auf die Zwecken los, so flink und so arbeitswütig, als ob ein Fieber ihn durchraste. Vergebens! Einige Minuten später fliegt ihm wieder die Frage zu: Und Mazzaus? Und der Samowar? Und wieder sinken ihm die Hände in den Schoss, und wieder blickt er in den Winkel zum Samowar. Und ihm schien es so, als bäte ihn dieser: Lass' mich in Ruh1 und schau mich nicht immer an mit deinen verzweifelten Blicken. Und Berl stellte sichs schon vor, als wäre der Samowar nicht mehr da Und der Jammer! Nicht einmal mit einem Glas Tee kann man seine Seele erquicken! — Aber was soll ich tun? Und Pesach? . . .. Soll ich etwa zum Armenvorsteher gehen und mir Mazzaus schenken lassen? . . Da gehen ja noch andere feine Leute hin. Und was bin ich denn für ein vornehmer Mann? Und was bin ich mehr als Leibe, der Lehrer, und als Mendel Pesche und Chajim und noch viele solche feinen. Leute. Und sie reden nicht so viel und nehmen einfach. Wär' ich nur vor Jahren schon Jachneh D'woschoh gefolgt und hätte mich geduckt! Vielleicht würden die Leuchter noch heute auf ihrem Platze stehen . . . Und so oft er den Samowar erblickt, möchte er auf ihn zugehen, ihn mit Liebe und Treue an sich drücken, ihn schützen wie vor einem bösen Blick. — Schade, schade! sinnt er weiter. Vielleicht ist es besser, offen die Armut einzugestehen, als ... Aber er konnte diesen Gedanken nicht zu

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