Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Die Judentaufen in Wien
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 195 - 196 (sequence 2)
- Language
- German
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KO Maximilian Paul Schiff: Die Judentaufen in Wien. 196 lieh verheerenden Tätigkeit" gesprochen "wird, „die der Bazillus der Zersetzung entfaltet hat, trotzdem das Seelenheil der Wiener jüdischen Gemeinde von einem Heer von Rabbinern, Predigern und Religionslehrern überwacht wird", so will ich mich nicht näher darauf einlassen, zu ergründen, ob nicht die Ziffer der Austretenden vielleicht geringer sein würde, wenn wir ein kleineres, aber besseres Heer von Seelenhirten hätten. Ich möchte aber meiner Meinung dahin Ausdruck geben, dass die Verlustzifier von 522 Personen, gleich 0,35 % der jüdischen Bevölkerung, angesichts der intensiven antisemitischen Bewegung von seiten des Staates und der Gesellschaft und in Anbetracht des täglich schwierigeren Konkurrenzkampfes, keineswegs „erschreckend" gross genannt werden kann. Man braucht ja nur die Wirkung der Gegenreformation im 17. Jahrhundert in dem früher ganz protestantisch gewesenen Oberösterreich, Salzburg, Kärnten etc. zu betrachten, woselbst ein paar Hundert protestantische Seelen heute übrig geblieben sind. Und was damals mit Feuer und Schwert erreicht wurde, das vollbringt heute eine moderne, unblutige, aber deshalb nicht weniger schmerzhafte Aushungerung. Nach dem Gesetze der Auslese sollte der Abfall dieser schwächeren, dem- Kampfe nicht gewachsenen Elemente eher freudig begrüsst werden. Was jene Individuen aber anbelangt, die nicht aus — halbwegs entschuldbarer — Not, sondern aus tief verächtlichen Motiven in Zeiten der Gefahr uns den Rücken kehren, so sollte man endlich einmal aufhören, wegen des Abfalls solch unwürdiger Elemente fortwährende Klagelieder anzustimmen. Kein Volk der Welt hat seinem faulen Holze jemals eine Träne nachgeweint, wenn es davon befreit wurde. Solches Material ist vielmehr zu verachten, und man sollte nur froh sein, unsicherer Kantonisten ledig zu sein, die einem schon lange vor dem definitiven Wegfall zu Schimpf und Schande gereichten. Hier soll man es nicht mit der Bibel halten, die da sagt, dass man die Strauchelnden stützen soll, sondern mit Nietzsche, der an einer Stelle schreibt: „Was fällt, das soll man stossen." Dies entspricht unserer Würde weit besser, das soll endlich einmal ELIAS GÜNZBURG. offen herausgesagt werden. Zu bedauern sind höchstens die Kassen der (jüdischen Gemeindeämter, denen der Beitrag der oft den bemitteltsten Schichten angehörenden Austretenden entgeht, ebenso die jüdischen Wohltätigkeitsanstalten, die der Zuschüsse jener Renegaten verlustig werden. Wie verhält es sich aber tatsächlich mit diesen angeblich „erschreckenden" statistischen Ziffern in Wien, wenn man die Berliner Verhältnisse des gleichen Jahres gegenüberstellt? Selbst laut der vorliegenden, keineswegs massgebenden Vergleichsziffer wie 2:1.*) Bei einer jüdischen Bevölkerung von 99 206 Seelen erfolgten in Berlin 161 Austritte, gleich 0,18%. Nun stimmt aber der Vergleich ganz und gar nicht, da ein solcher mit Rücksicht auf die mangelhafte österreichische und preufsische Statistik nicht erfolgen kann. Tatsächlich sind die Ziffern auch in Berlin weit gröfser, und zwar infolge der gleich bei der Geburt getauften Kinder jüdischer Eltern, welche selbst beim Judentum verbleiben. Kenner der deutschen Verhältnisse — besonders in den oberen Schichten — werden nun diese Ziffer sicherlich nicht gering einschätzen. Die Möglichkeit, die Kinder taufen zu lassen, während beide Eiternteile im Judentum verbleiben können, ist nun, wie oben erwähnt, in Oesterreich nicht gegeben. Aus diesem Grunde vermehrt sich in Oesterreich in solchen Fällen die Statistik der Judentaufen um eine, beziehungsweise zwei Personen, da ein Elternteil oder, wie es gewöhnlich der Fall ist, beide bei dieser Veranlassung mit übertreten. Die österreichische Statistik erfasst allerdings diese Kindertaufen unter 7 Jahren ebensowenig wie in Preussen, wo sie nicht als formelle Uebertritte gelten. Ich verweise diesbezüglich auf einen in der Oktobernummer der Monatsschrift der Oesterreichischen Israelitischen Union enthaltenen Artikel: „Austritte aus dem Judentum in Oesterreich DER MUSIKANT. *) Ich ziehe das Jahr 1900 zu Vergleichszwecken heran, weil mir nur die betreffenden Ziffern dieses Jahres für Berlin und Wien zur Verfügung stehen, bemerke aber, dass in diesem Jahre die Austritte aus dem Judentum in Wien noch giösser waren, wie im Jahre 1901 (607 Personen). Dem standen gegenüber 83 Eintritte von Christen und 2 Rücktritte von Juden, so dass sich ein Saldo ab gang von 522 Personen, gleich 0,35 o/o ergibt.