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Ost und West · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. Seite 193 - 194

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Der Andere
Date
1904-03-01
Page
Seite 193 - 194 (sequence 2)
Language
German
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193 S. Lublinski: Der Andere. 194 mus, der auf zwei besonderen Momenten beruht: auf einer Verfeinerung der Sinnesempfindungen und auf der Erkenntnis, dass alles fliesst — tävzol psT. Das Auge sieht schier unendlich kleine Farbennüancen und das Ohr geniesst eine Fülle von Zwischentönen, über die man früher hinweghörte und hinwegsah. Denn ehemals kam es auf eine klare Farbe und einen möglichst einfachen Ton an, während man jetzt auch sehen und fühlen will, wie das Gemälde oder Tonstück aus dem Chaos emportaucht und wieder versinkt — alles fliesst, Trav-a pst. Die beweglichen, sensiblen, nervösen Künstlernaturen erleben infolge dieser Zeitstimmung goldene Tage und auch die kleineren Talente unter ihnen werden häufig überschätzt. Klassisch angelegte Naturen, grosszügig geartete Talente haben es dagegen heute schwerer als je zuvor. Sie dürfen und wollen auf die Errungenschaften der impressionistischen Technik und Erkenntnis nicht verzichten und zielen dennoch auf Dauer und Monumentalität. Es ist aber eine verfluchte Aufgabe, die Formel zu finden, die zugleich besagt: alles fliesst und alles ist ewig. Birnbaum, der Lyriker, ringt mit dieser Aufgabe, wie auch noch mancher andere moderne Künstler auf seinem besonderen Gebiet. Dieser und jener von uns wird vielleicht verurteilt sein, ein Ach er zu bleiben und an der selbst gestellten Aufgabe zu zerschellen. Aber das Ziel, die Erzeugung einer neuklassischen Kunst und Weltanschauung, wird sicher erreicht werden. Doch ich komme ab. Auf dem Gebiet sowohl der politischen wie kulturellen Bewegung innerhalb des Judentums ist Nathan Birnbaum ein Abseitiger, ein Anderer. Nicht freiwillig hat er sich in diese Rolle hineingelebt, die im Gegenteil für seine sozial-altruistische Natur eine herbe Tragödie bedeutete. Aber der klassenbewusste Sozialist konnte sich mit dem Kleinbürgertum nicht befreunden und noch weniger mit dem zionistischen Imperialismus. Und der Kulturschöpfer in ihm fand sich ohne eine Tradition, die er umformen und umwerten konnte, während die Anfänge einer neu-jüdischen Kutur und Literatur höchstens die liebevolle Teilnahme, nicht aber die unmittelbare Mitwirkung eines Mannes finden konnten, der ganz auf das Ausgewachsene, Fertige und Monumentale gestellt ist. So blieb ihm nichts übrig, als in Ehren allein zu stehen und in edelster Weise den Typus des Anderen, des Acher, zu entwickeln. DIE JUDENTAUFEN IN WIEN. Eine Entgegnung-. Von Maximilian Paul-Schiff. In der Januar-Nummer von „Ost und West" befindet sich unter „Revue der Presse", S. 72, eine Besprechung der Judentaufen in Wien im Jahre 1901 und zwar unter Bezugnahme auf eine in der „Oesterreichischen Wochenschrift" veröffentlichte Statistik. Die in dieser Besprechung enthaltene Kritik trifft die Tatsachen nicht und bedarf der Berichtigung. Vor allem muss festgestellt werden, dass es falsch wäre, auch jene Austrittsfälle in Wien visieren zu wollen, in welchen „ungetaufte Eltern ihre neugeborenen Kinder taufen lassen", da diese Fälle nach dem österreichischen Gesetze nicht vorkommen können. Ein Kind darf — nota bene nur unter sieben Jahren — nur dann getauft werden, wenn der nach dem Geschlecht massgebende Elternteil bereits dem christlichen Glauben angehört. Auf diesen Punkt werde ich später noch zurückkommen, da gerade dieser im deutschen Gesetze begründete, mit dem österreichischen Gesetze aber in Widerspruch stehende Umstand das statistische Bild auch in Deutschland derart verwischt, dass man daraus keineswegs klar sehen und keinen Vergleich mit Oesterreich ziehen kann. Ferner bemerke ich zur sachlichen Richtigstellung, dass eine verlässliche Statistik über die Judentaufen in Oesterreich gar nicht erbracht werden kann, da die Kultusgemeinden, den gesetzlichen Bestimmungen gemäss, nur den Austritt eines ihrer Mitglieder durch die politische Behörde erfahren und nur in vereinzelten Fällen auch die neue Religionszugehörigkeit des Ausgetretenen erfahren können. Die in der „Oesterr. Wochenschrift" veröffentlichte Ziffer bezüglich der Judentaufen kann daher nicht im Matrikelamte der Wiener Kultusgemeinde erhoben worden sein, sondern nur bei der Statistischen Zentralkommission oder im Kultusministerium. Die dortselbst etwa erhobenen Ziffern können aber mit den in „Ost und West" enthaltenen Deduktionen bezüglich der Konfessionslosen nicht in Einklang gebracht werden, da erfahrungsgemäss viele aus dem Judentum austretende Personen vor allem konfessionslos werden und es eine Zeitlang verbleiben, bevor sie sich taufen lassen. Vermutlich dürfte ein Rest von Schamgefühl hier mitwirken. Richtig ist, „dass ein Konfessionsloser im Staate Luegers womöglich noch weniger Hoffnung auf eine Karriere haben kann als ein Jude." Die Konfessionslosen rekrutieren sich aber nicht aus den Karrierelüsternen, sondern meist aus überspannten Freidenkern, Studenten, Studentinnen, freien Berufsangehörigen (Advokaten), aus kleinbürgerlichen Elementen, die oft nur die Kultussteuer ersparen wollen, ohne an einen Glaubenswechsel zu denken, vor allem aber aus den sozialdemokratischen Parteigenossen, die es den Parteigrundsätzen schuldig zu sein glauben, aus dem Judentum auszutreten. Wenn weiter von der „erschreck-

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