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Ost und West · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. Seite 191 - 192

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Der Andere
Date
1904-03-01
Page
Seite 191 - 192 (sequence 1)
Language
German
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191 192 DER ANDERE. Von vS. Lublinski. . . . Birnbaum - Acher ist nicht nur ein Politiker und auch nicht nur ein Sozialmensch. In ihm lebt auch ein Künstler, den eine starke Sehnsucht nach einer modernen Zukunftskultur beseelt. Diese Sehnsucht bestimmt sein geheimstes Tun und Lassen, sein Unbewusstes, wenn man so sagen darf. Er hat von einer Mo de ro¬ und von einer Neu-Renaissance läuten gehört, und man kann wohl auch als sein ungeschriebenes Programm jenes „Hinauf zur Natur" bezeichnen, das Nietzsche dem Rousseauschen „Zurück zur Natur" entgegenstellte. Die höchste Intelligenz, "Wissenschaft und Vernunft, umgesetzt in hochverfeinerte Triebe, in Genuss und Naturkraft — dieses Renaissance-Ideal eines Nietzsche und Dehmcl ist in seinem besonderen Kreis, auch immer der Leitstern von Mathias Acher gewesen. In seiner bedeutungsvollen kleinen Programmschrift „die jüdische Moderne" hat er dieses Endziel als die kühne Wissenschaftlichkeit und veredelte Genussfähigkeit des modernen Europäers bezeichnet. Diese Formulierung erscheint wohl etwas zu begrenzt, deutet aber in jedem Fall ganz entschieden in die Richtung jenes Ideals. Birnbaum möchte nach seinen Kräften an der bevorstehenden Renaissance mitarbeiten, er möchte ein Kulturschöpfer sein. Das kann aber ein Mann nur dann, wenn er selbst lange in einer Kulturtradition gestanden und diese Tradition in sich verarbeitet und überwunden hat. Iiier setzt die intimste Lebenstragödie Achers ein: er kam nicht aus einer Tradition, die es der Mühe verlohnte, innerlich überwunden zu werden. Als er jene kleinbürgerlichjüdische Romantik seiner Anfänge einfach weggeschleudert hatte, da konnte er sich wohl an der unmittelbaren modernen Literatur, an Ibsen Strindberg, und Hauptmann, mit feinem Verständnis orientieren, aber dort nicht "Wurzeln schlagen. Ebenso scheint ihm die deutsche Literatur niemals eigentlich die Seele bezwungen zu haben: er wurzelte weder in Goethe, noch in Kleist oder Hebbel. Aber einen Boden finden musste er, um von dort aus kulturschöpferisch im Sinn seines Ideals zu wirken. So wurde die „jüdische Moderne" oder die „jüdische Renaissance" sein Losungswort. "Wenigstens als Kritiker steht er der neujüdischen Literatur in dem bisher als „Jargon" verachteten Idiom zur Seite und hegt und fördert sie nach seinen besten Kräften mit einer wahrhaft mütterlichen Treue. Es hat etwas Rührendes, diesen grosszügigen Mann, ELIAS GÜXZBURG. DIE STRAFE. der eigentlich nur für das Monumentale geschaffen scheint, mit einer zärtlichen Behutsamkeit bei den bescheidensten Knospen verweilen zu sehen. Ereilich kann er da nur betreuen und nicht mitschaffen; er kann sich in dieses unendliche Kleinleben nicht verkapseln, sondern sich nur einfach freuen, wenn es aus seinen Schalen und Hülsen langsam herauswächst. Auch hier ist er ein Abseitsstehender, ein Anderer — der Acher. In allerjüngster Zeit scheint bei dem merkwürdigen Mann eine neue Entwicklung einsetzen zu wollen. Seine auf sich selbst zurückgeschleuderte Natur, die nach Aussen hin keine Gelegenheit zu Taten fand, suchte in der Lyrik eine Entladung. Einige seiner Gedichte fesselten durch eine merkwürdig persönliche Glutkraft und individuelle lyrische Sprache. In anderen wieder störte eine zu klare und abstrakte Geradlinigkeit, und manchmal offenbarte sicli ein innerliches Ringen zwischen Empfindungswucht und logischer Architektur, und noch hat der Lyriker Birnbaum nicht seinen Stil gefunden. Auch hier ist er vorläufig ein Acher, aber doch nur einer, der dieses Los mit manchem Mitstrebenden zu teilen hat. Bekanntlich befinden wir uns, künstlerisch gesehen, im Zeitalter des Impressioni.s-

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