Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Ein neues Buch über die Geschichte der deutschen Juden
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 177 - 178 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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177 Dr. Max Eschelbacher: Ein neues Buch über die Geschichte der deutschen Juden. 178 all dem Schmutz abzuschwächen. Die Tendenz tritt nicht störend hervor, sie ist sanft verhüllt. Dem üblen Homunkulus, den er vorzeigt, klebt Liebe, der auch den Juden gerecht werden möchte, allerhand Schönheitspflästerchen an, so dass seine Darstellung bisweilen einen ganz gerechten und unparteiischen Eindruck macht. Er nennt die Judenmorde erschütternde Handlungen, er lässt keinen im Zweifel, dass er die Ritualmorde für erlogen hält, er verschweigt auch nicht, dass die Obrigkeit schuld war, wenn die Juden wucherten, er erkennt es an, dass die jüdischen Aerzte Bedeutendes geleistet haben, und dass die christlichen Theologen bei den Rabbinern in die Schule gegangen sind, er verschweigt nicht, dass die Juden als Hausierer wie als Geldhändler ein Kulturmission erfüllt haben, er nennt sogar den „Jud Süss" eine bestechende Persönlichkeit, gibt auch sonst in dieser Art der Wahrheit die Ehre. Aber trotzdem ist sein Buch im grossen und ganzen von Grund auf ungerecht, und den schlechten Geruch des Vielen, was darin falsch ist, vermag auch das Eau de Cologne der Wahrheit nicht zu tilgen. Es ist geradeso, wie wenn eine schlechte Justiz die kleinen Diebe hängt und die grossen unterdessen davonlaufen. Die Gerechtigkeit wird dadurch nicht hergestellt. Wenn Liebe neben den Feinden der Juden nur gelegentlich ab und zu eine unparteiische Stimme zu Gehör kommen lässt, so wird dadurch nicht gut gemacht, sondern höchstens verschleiert, dass die Anlage im grossen und ganzen verpfuscht ist. Nun noch ein Wort über die Bilder, mit denen Liebes Buch ausgestattet ist. Ein reichhaltiges Bildermaterial aus allen möglichen Handschriften und Druckwerken veranschaulicht die Geschichte der Juden. Auch die jüdischen Quellen fliessen reichlich. Haggadas, Ritualwerke und dergleichen liefern reiche Ausbeute. Liebe aber verfährt auch hier nach seiner alten Manier. Er hat jüdische Quellen fast gar nicht benutzt, aus den anderen bringt er einige sozusagen neutrale Beiträge und einige Abbildungen von Synagogen, Trachten, Gebräuchen, sonst aber findet man hier nur ein Bild jener wüsten Gemeinheit, mit der die Vergangenheit gegen uns verfuhr. Aus einer gelegentlichen Bemerkung des Herausgebers Dr. Steinhausen in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" lässt sich entnehmen, „dass Liebe mit dem Verleger manchen Strauss gehabt hat, weil er sich gegen die Einfügung etwa verletzender älterer Bilder sträubte, die dann auch fortgeblieben sind." Das Buch muss in seiner ersten Gestalt scheusslich gewesen sein. Wie sieht es aber jetzt aus? Im Text erklärt Liebe die Blutbeschuldigung für ein Märchen, unter den Illustrationen aber bringt er nicht weniger als vier Abbildungen von der Ermordung des Simon von Trient. Die wurde den Juden zur Last gelegt, der Prozess aber ist einer der grauenhaftesten Justizmorde aller Zeiten. Von No. 11 ab reihen sich folgende Abbildungen aneinander: Spottblatt auf die Juden (das Schwein dargestellt als Amme der Juden); Marter von Juden, die zur Richtstätte geführt werden; Marter von Juden, die aufs Rad geflochten werden (beides wegen Ermordung des Simon von Trient); Simon von Trient und drei Pilger; Ermordung des Knaben Simon von Trient; Der Hostiendiebstahl zu Passau; Eine Juden Verbrennung; Flugblatt auf eine Hostienschändung zu Pressburg. Nun folgt wie ein Gruss aus einer anderen Welt die harmlose Abbildung einer Schuldquittung, gleich darauf aber folgen einige Spottbilder auf jüdische Wucherer. Das ganze Bildermaterial ist nichts als ein Archiv von Zeugnissen für die Gemeinheit früherer Jahrhunderte. Das müssen Kanaillen gewesen sein! Aber wenn jetzt mit ihren schmutzigen Zerrbildern die Entwickelung der Juden vor Augen geführt werden soll, so ist das gerade so gut, als wenn jemand auf Grund der Engischen Bilder im Simplicissimus ein wissenschaftliches Werk über den katholischen Klerus schreiben wollte. Das sind so im grossen und ganzen die Wege, auf denen Liebe zu seinem Ziel vorgedrungen ist. Von den Resultaten, die er erzielt hat, war noch nicht die Rede. Dass aber ein Ergebnis, gewonnen mit solcher Methode, auch nur halbwegs der Wahrheit entspreche, das wäre zu viel verlangt. Ein Staatsanwalt aus der guten alten Zeit hat einmal gesagt: „Gebt mir von einem beliebigen Menschen drei Zeilen und ich will ihn an den Galgen bringen." Das Bild dieses Staatsanwalts wich nicht von unserem Auge, als wir das Buch lasen. Steinhausen versichert, die grösste Objektivität sei das Ziel, nach dem Liebe gestrebt habe. Das mag sein, dann war er aber zum Erschrecken unkritisch und sorglos. Und trotz allen Strebens nach der grössten Objektivität hat er dennoch Pech gehabt. Denn er hat ein Buch geliefert, an dem man wie an wenigen anderen die historiographische Optik studieren kann. Wenn irgendwo, lässt sich gerade hier erkennen, durch welche Medien hindurch das Licht der geschichtlichen Wahrheit geleitet werden muss, bis es gebrochen und verzerrt erscheint. (Ein zweiter Artikel folgt.)