Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Ein neues Buch über die Geschichte der deutschen Juden
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 175 - 176 (sequence 4)
- Language
- German
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175 Dr. Max Eschelbach er: Ein neues Buch über die Geschichte der deutschen Juden. 176 regieren und lehren gesehen, so wäre ich eher eine Sau geworden als ein Christ. Denn sie haben mit den Juden gehandelt, als wären sie Hunde und nicht Menschen, und haben nichts mehr tun können als sie schelten. Sie sind Blutsfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn, darum, wenn man sich des Blutes und des Fleisches rühmen soll, so gehören die Juden Christo mehr an, denn wir. Ich bitte daher meine lieben Papisten, wenn sie müde geworden, mich einen Ketzer zu schimpfen, dass sie nun anfangen, mich einen Juden zu schelten." Wir verlangen von Liebe nicht, dass er den ganzen Luther zitiert, wenn er aber den wütenden Ausfall von 1543 seinen Lesern breit und gefällig vor Augen führt, dann darf er auch nicht verschweigen, was der Reformator zwanzig Jahre vorher gedacht hat. Wer als ehrlicher Mensch gelten will, muss sich auch ehrlich benehmen, sonst kommt seine reine Seele in einen schmutzigen Verdacht. So hat also Liebe eine unreinliche QuellenscheiduDg vollzogen. Alle jüdischen Zeugen sind beiseite geschafft, von den Deutschen kommen im grossen und ganzen, von Ausnahmen abgesehen, nur unsere Feinde zu Wort, und wo eine halbwegs objektive Stelle sich noch findet, wird sie unterdrückt. Man vergleiche das Goethezitat. Liebe versetzt das Judentum aui das Armesünderbänkchen, aber dem Leser legt er zur Entscheidung wenig mehr vor als die Reden des Anklägers, und die entlastenden Momente, die hier ausgesprochen werden, verschweigt er zum Teil auch noch. Aber Liebe kann noch mehr. Vorzüglich versteht er es, ganz harmlose Dinge mit grosser Wichtigkeit als Beweise für die Frechheit und Unverschämtheit der Juden anzuführen. Es steckt hinter der ganzen Affäre gar nichts, aber der gedankenlose Leser wird durch die Feierlichkeit, mit der eine ganz gleichgültige Sache behandelt wird, leicht in Verwirrung gebracht. So erzählt Liebe S. 112 wie der Rat von Frankfurt 1626 den Juden verbot, öffentlich spazieren zu gehen, und wie er dieses Verbot 1739 wiederholte. „Trotzdem sah sich der Rat 1756 von neuem zu folgender Aeusserung veranlasst: „So hat ein hochedler und hoch weiser Rat mit besonderem Missfallen wahrgenommen, dass teils Juden diese Ordnung eine Zeit hero freventlich zu übertreten keine Scheu tragen, sondern sojüdische Mannsals Weibsleute, einzeln und haufenweise auf Sonn- und Feiertäge alle Strassen der Stadt zu durchstreichen und gleichsam drinnen spazieren zu gehen, mithin dasjenige, was ihnen aus obrigkeitlicher Milde nur in Notfällen verstattet wird, auf eine ärgerliche und sträfliche Weise zu missbrauchen sich unterfangen dörfen." Die jüdischen Einwohner sollten sich des Spazierengehens in der Allee auf dem Rossmarkt zu allen Zeiten schlechterdings enthalten und sich nicht unterfangen, in der Stadt auf den Gassen Tabak zu rauchen." Dieses lächerliche Produkt der verschimmelten Frankfurter Perücken bezeichnet Liebe allen Ernstes als „einen aktenmässigen Bericht, der ein anschauliches Bild von dem gelegentlichen Auftreten jüdischer Stadtbewohner gäbe*4, als ob dieses „gelegentliche Auftreten" ein grosses Verbrechen gewesen wäre. Wir müssten ja heute noch vor Schande rot werden, wenn „die jüdischen Stadtbewohner" in der Tat, wie das Gesetz es befahl, Scheu getragen hätten, diese Ordnung eine Zeit hero freventlich zu übertreten, wenn so jüdische Mannsais Weibsleute wirklich sich nicht getraut hätten, einzeln und haufenweise auf Sonn- und Feiertäge alle Strassen der Stadt zu durchstreichen und gleichsam oder sogar wirklich darinnen spazieren zu gehen, wenn sie mithin dasjenige, was ihnen aus obrigkeitlicher Milde, sozusagen aus christlicher Liebe, nur in Notfällen verstattet wurde, nicht auf eine ärgerliche und sträfliche Weise zu missbrauchen sich unterfangen „gedörft" hätten. Und solch dummes Zeug wird mit wichtiger Miene als Material zur Charakterisierung der Juden beigeschleppt! Sicherlich ist auch niemand überrascht, wenn er hört, dass Liebe tüchtig generalisiert. In Coburg wurde 1733 eine jüdische Diebesbande ergriffen. Daran, sowie an einige ähnliche Berichte knüpft Liebe einen langen Exkurs über die Diebereien der Juden, der mehrere Seiten gross und mit vier Bildern jüdischer Verbrecher geziert ist. Wer diesen Teil liest, möchte meinen, eine Menge Juden hätten von Schwindel und Betrug gelebt. Nun ist es ja möglich, dass im Zeitalter des Schinderhannes die Juden von ihren christlichen Mitbürgern sich anstecken Hessen, aber davon abgesehen, kann die ganze Methode, deren Liebe sich hier bedient, den Unkundigen nur irre führen. Er stellt Ausnahmeerscheinungen als typisch hin. Das ist gerade, wie wenn man sagen wollte: Von den deutschen Lehrern hat man in letzter Zeit wenig anderes gehört, als dass drei davon ihre Schulkinder totgeprügelt haben. Also besteht der deutsche Lehrerstand zum grossen Teil aus Sadisten. Der General von Kretschmann klagt in seinen Kriegsbriefen, die Generäle von Göben und von Werder seien auf ganz unverdiente Weise zu ihrem Ruhm gelangt. Göben schreibe selber an die Zeitungen oder lasse an sie schreiben. Wer im 20. Jahrhundert den Krieg von 1870 schildert, wird auf Grund dieser Stelle nach ähnlicher Methode vielleicht einmal die Vermutung aussprechen, der Kriegsruhm des deutschen Heeres sei den Journalisten, nicht den Soldaten zu danken, er sei pures Zeitungsfabrikat. Gegen uns Juden findet man heute schon solche Verzerrung vorteilhaft. Doch wir wollen an Liebe nicht nur die schlechten Seiten sehen. Eines müssen wir ihm sicher zugestehen: Gewandtheit. So krumm und schief und bucklig vieles in seinem Buche geraten ist, Liebe versteht es doch glänzend, den widrigen Anblick dem Leser angenehm zu machen. Er präsentiert ihm allen Unrat, der jemals über die deutschen Juden sich ergossen hat, aber mit wohltuender Sorglichkeit versteht er den Gestank von