Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Ein neues Buch über die Geschichte der deutschen Juden
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 171 - 172 (sequence 2)
- Language
- German
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171 Dr. Max Eschelbacher: Ein neues Buch über die Geschichte der deutschen Juden. 172 wissensbissen empfunden haben, denn er konstatiert S. 64: „Die literarische Auffassung der Juden ist im allgemeinen nicht von so gehässiger Tendenz, wie man nach den Theorien über ihre rechtliche und bürgerliche Stellung wohl glauben könnte. Direkt polemischen Zwecken dienstbar gemacht ist die Literatur nur in wenigen Fällen." Als Liebe diesen Satz niederschrieb, war er sicherlich nicht mehr ganz frisch, denn einen derartigen Bock schiesst der Mensch bei vollem Bewusstsein doch nur in seltenen Augenblicken. Die mittelalterlichen Auslassungen über die Juden sind zum guten Teil ebenso verlogen wie viele von den modernen. Den Leitartikel einer antisemitischen Zeitung wird kein Mensch je als eine objektive Quelle auffassen. Gerade auf die Literatur geht ein grosser Teil der Narrengeschichten zurück, die über uns verbreitet werden. Nach einer zwar vielfach bestrittenen, aber doch sehr glaubhaften Hypothese grosser Philologen entstammt i. B. der Vorwurf des foetor iudaicus, des Judengestanks, einer solchen gemeinen Fälschung der Literatur. Da berichtet der römische Schriftsteller Ammian gelegentlich, wie der Kaiser Mark Aurel nach Palästina kam. Hier sei ihm eine „turba petentium Judaeoruin" begegnet, eine Schar bittender Juden. Ein witziger Mönch hat nun wahrscheinlich das petentium in fetentium verwandelt, und nun hiess es auf einmal, eine Schar stinkender Juden. Die spätere Literatur hat diese Anschauung liebevoll entwickelt, und die Staatsbürgerzeitung tischt die Sache heute noch von Zeit zu Zeit ihren Lesern als antikes Zeugnis für den foetor iudaicus auf. Und wie verlässlich diese Literatur im späteren Mittelalter war, dafür nur ein Beispiel. Um die Osterzeit des Jahres 1338 legten die christlichen Bürger von Pulka in Oesterreich einem Juden eine zerstochene Hostie vors Haus. Eine Anklage wegen Schändung des Sakraments mit daran sich anschliessender Judenverbrennung war das Resultat. Der Bericht, den der Herzog von Oesterreich an den Papst erstattete, sowie die päpstliche Bulle besagen ausdrücklich, die Hostie sei vor dem Hause des Juden auf der Strasse gefunden worden, die Klosterchronik aber lügt, sie sei i n dem Hause entdeckt worden. Diese ganze Art von Literatur ist nicht, wie Liebe meint, selten, sondern im Gegenteil sehr häufig polemischen Zwecken dienstbar gemacht worden, aber Liebe traut ohne viel Kritik ihren Schwindeleien. AVenn er sie wenigstens nicht selbst noch verfälschen wollte! Aber was Herrn Liebe nicht passt, das entstellt er bisweilen mit einer Dreistigkeit, der man in wissenschaftlichen Werken denn doch gottlob nur selten begegnet. Da kommt in Goethes Jahrmarktsfest zu Plundersweilern auch eine Unterredung zwischen unserem alten Freunde Haman und dem Perserkönig Ahasverus vor, aus der Liebe ein Stückchen folgendermassen zitiert: „Der Jude liebt das Geld und fürchtet die Gefahr; £r weiss mit leichter Müh und ohne viel zu wagen Durch Handel und durch Zins Geld aus dem Land zu tragen. . . . finden sie durch Geld den Schlüssel aller Herzen Und kein Geheimnis ist vor ihnen wohl verwahrt, Mit jedem handeln sie nach einer eigenen Art. Sie wissen jedermann durch Borg und Tausch zu fassen. Der kommt nie los, der sich nur einmal eingelassen. . . . Es ist ein jeglicher in Deinem ganzen Land Auf ein und andere Art mit Israel verwandt." Was bedeuten nun die mysteriösen drei Punkte in der vierten Zeile? Steht dort im Goetheschen Text etwas Gleichgültiges? Oder umgekehrt etwas so Gemeines, dass Liebe sich scheute, es mitzuteilen? Keines von beiden. Bei Goethe steht dort vielmehr die Gegenrede Ahasvers, und die lautet: „Ich weiss das nur zu gut. Mein Freund, ich bin nicht blind, Doch das tun andere mehr, die unbeschnitten sind." Und diese Worte, die dem Zitat einen ganz anderen Sinn geben, hat Liebe einfach unterschlagen! Wer vor Gericht steht und vereidigt wird, der muss schwören, dass er die reine Wahrheit sagen, nichts hinzusetzen und nichts verschweigen werde. Verschweigt er etwas, dann leistet er einen Meineid ebensogut, als wenn er die grösste Lüge ausgesprochen hätte. Zu Herrn Liebes Ehre will ich annehmen, dass er vor Gericht nicht beschwören würde, er habe hier Goethe richtig zitiert. Ob man den übrigen Zitaten Liebes trauen kann, weiss ich nicht; er hat nur selten seine Quelle angegeben und eine Nachprüfung dadurch ausserordentlich erschwert. Sein Verfahren in dem eben angeführten Fall mahnt jedenfalls zum äussersten Adisstrauen. Nicht ganz so schlimm, wie mit Goethe, springt Liebe mit Luther um. Luther hat im Jahre 1543 eine bitterböse Schrift „Von den Juden und ihren Lügen" geschrieben. Auf dieses Buch macht Liebe mit dem grössten Nachdruck aufmerksam. Er gibt eine Abbildung des Titelblattes und teilt ausserdem eine der bissigsten Stellen lang und breit wörtlich mit. Nur ganz verschämt, in einem Nebensatz, deutet er flüchtig an, dass Luther auch einmal anderer Meinung über die Juden gewesen ist; er hat nämlich im Jahre 1523 eine Schrift verfasst, worin er nachwies, dass Jesus ein geborener Jude gewesen sei. Hier hat er sich etwas anders über uns ausgesprochen, und zur Ergänzung der bei Liebe abgedruckten Stelle soll darum auch ein Zitat aus dieser Schrift hier seine Stelle finden. Luther meint: „Unsere Narren, die Papisten, Bischöfe, Sophisten und Mönche haben bisher also mit den Juden verfahren, dass, wer ein guter Christ gewesen, hätte wohl mögen ein Jude werden. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre und hätte solche Tölpel und Knebel den Christenglauben