Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Ein neues Buch über die Geschichte der deutschen Juden
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 169 - 170 (sequence 1)
- Language
- German
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170 EIN NEUES BUCH UEBER DIE GESCHICHTE DER DEUTSCHEN JUDEN. Von Dr. Max Es chelb ach er. In einem antisemitischen Blatt erscheint jeden Sonnabend eine Rubrik: „Israel im Konflikt mit den Strafgesetzen". Stets werden hier die Namen von sechs oder sieben Juden mitgeteilt, die in der vergangenen Woche Bankrott gemacht haben. Wer das liest, möchte meinen, jeder Jude sei ein Bankrotteur und nur Juden seien Bankrotteure. Wenn er dann aber einmal zufällig die Konkursliste für das ganze Deutsche Reich sieht, dann bemerkt er mit Erstaunen, dass an jedem einzelnen Tage gegen dreissig Personen ihre Zahlungen einstellen, und dass darunter nie mehr als zwei Juden sich rinden, oft auch gar keiner. Die Zeitung hat kein unwahres Wort ausgesprochen, aber sie hat nicht die ganze Wahrheit gesagt, sie hat das Wichtigste verschwiegen und dadurch den Leser irregeführt. Die Methode, die die Zeitung grob und plump anwendet, ist, freilich verfeinert und ausgebildet, auch in der Wissenschaft beliebt. Ein Meister in der Kunst, nur zu sagen, was ihm passt, zu verschweigen, was sich nicht in seinen Kram fügt, krass hervortreten zu lassen, was für seine Zwecke geeignet ist, und nur sanft anzudeuten, was ihm weniger behagt, ist vor Allem der neueste Historiker der deutschen Juden, Dr. Georg Liebe.*) Mit ganz unscheinbaren Mitteln versteht er es, ein Gemälde zu entwerfen, sonnenhell oder rabenschwarz, wie es ihm gerade passt, und so hat er denn auch von der Geschichte der Juden nicht ein Bild geliefert, sondern eine Verzerrung. Der Eigenart der Liebeschen Darstellung muss die Kritik entsprechen. Sie darf mit den Einzelheiten sich erst in zweiter Linie befassen. Ein derartiges Verfahren wäre einem Geschichtslügner gegenüber wohl angebracht. Wenn ein solcher irgend eine Lüge in die Welt setzt, etwa dass die Juden Christenkinder fressen oder Hostien schänden, dann gilt es, diese einzelnen Behauptungen als Lügen nachzuweisen, denn aus tausend falschen Einzelheiten setzt sich da das falsche Bild zusammen. Liebe aber ist kein solcher Geschichtslügner und darum muss bei ihm eine andere Art der Beurteilung eintreten. Wer über die erwähnte Rubrik der antisemitischen Zeitung urteilt, der wird zunächst nicht bestreiten, dass die dort genannten Kohn und Levi wirklich Bankrott gemacht haben, er wird vielmehr sagen: Alle diese Einzelheiten mögen richtig sein, das Gesamtbild ist infolge von Verschweigen und von Unterstreichen dennoch unrichtig. Auch an Liebes Buch, das nach ähnlichen Rezepten gearbeitet ist, verdienen die Einzelheiten erst in zweiter Reihe Be- *) Monographien zur deutschen Kulturgeschichte. Herausgegeben von Dr. Georg Steinhausen. Bd. XI: Georg Liebe, Das Judenturn in der deutschen Vergangenheit. achtung, sie könnten aus dem Zusammenhang, in den Liebe sie gebracht hat, herausgerissen, vielleicht richtig sein, im Zusammenhang aber werden sie unwahr, weil Liebe, genau wie die am Eingang erwähnte Zeitung, durch allerlei Mittel Licht und Schatten falsch verteilt. Vor allem gilt es darum, Liebe auf seinen Wegen nachzugehen und zu erklären, wieso bei ihm alles in falschem Lichte erscheint. Es war Liebe von vornherein unmöglich, ein getreues Bild der Juden zu entwerfen, denn gleich am Anfang, bei der Auswahl seiner Quellen, hat er einen groben Schnitzer gemacht. Wer Geschichte schreiben will, der muss vor allem an die Quellen des Volkes, mit dem er sich beschäftigt, sich halten. Wer die deutschen Befreiungskriege kennen lernen will, wird nicht ausschliesslich aus Thiers sich unterrichten, und wer über Luther eine Anschauung sich bilden möchte, der wird zu Jansen und zu Denifle erst in zweiter Linie greifen. Und daran tut er gut, denn sonst könnte er erfahren, die Preussen seien reich geworden an den Pendulen, die sie in Frankreich gestohlen hätten, und von Luther könnte er hören, er habe gejammert und geklagt, dass er nicht als Schwein geboren sei, wie Pater Denifle in seinem jüngsten Werk eruiert hat. Was dem Deutschen und dem Protestanten recht ist, ist dem Juden billig. Auch er darf verlangen, dass einMann, der jüdische Geschichte schreibt, vor Allem die jüdischen Quellen berücksichtigt. Gegen diese erste Forderung jeder Geschichtsschreibung hat nun Liebe gröblich Verstössen, er hat die jüdischen Quellen völlig ignoriert: soweit ich urteilen kann, hat er nur die Memoiren der Glückel von Hameln benutzt. Er kann ja freilich kein Hebräisch, und ein grosser Teil der Quellen ist ihm damit von vornherein unzugänglich, aber in den Werken von Zunz, von Güdein ann, von Berliner und von vielen anderen Kulturhistorikern ist ein grosser Teil dieses Materials veröffentlicht, und da Liebe ein anständiger Mann sein will, so war es seine Pflicht, dieses jüdische Material mitzuverarbeiten. Indessen zeigt sich hier eine verhängnisvolle Inkonsequenz, Liebe hat nämlich trotz aller Anständigkeit diese Pflicht nicht erfüllt. Wie wenn er sein Buch im Schlaf geschrieben hätte, hat er seine Augen vor den jüdischen Zeugen zugemacht. Eine Darstellung, die auf irgend einem anderen Gebiet, irgend eine andere Erscheinung bloss nach den Zeugnissen ihrer Feinde, etwa die Jesuitenmoral bloss nach den Pamphleten Grassmanns darstellen wollte, würde auch Liebe sicherlich und mit Recht als liederlich und als eine Schande für die Wissenschaft bezeichnen. Liebe muss darüber selber eine Art von Ge-