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Ost und West · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. Seite 149 - 150

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Tröstungen
Date
1904-03-01
Page
Seite 149 - 150 (sequence 3)
Language
German
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149 Dr. Theodor Zlocisti: Tröstungen. 150 Hoffnungen auszustrahlen, und zu kurzbeinig, um den schweren Kampf gegen die aushöhlende und zuletzt uns noch vernichtende Verzweiflung aufzunehmen. Und eine beängstigende Verzweiflung hält in Israel selbst die Besten und Mutigsten umkrallt Ich denke an Deutschland! Die deutsche Judenheit, die munter im Strome der „Allgemeinheit" schwamm, ist auf einem einsamen Rift gelandet . . . Gestrandet? Wie stolz fuhr sie einst einher. Und der frische Morgenwind schwellte ihre Segel. Sie waren Staatsbürger geworden und waren Staatsbürger so lange, bis sie ins Schlepptau kamen und Schutzbürger wurden. Schutzbürger nicht wie einst der Kaiser und Hochgefürsteten. Schutzbürger einer Partei! Und als diese Partei hinsiechte? . . Der Traum der bürgerlichen Gleichberechtigung ist zerschlagen. Er verdiente nicht besseres. Er war der Lüge voll. Hüben und drüben. Und will man die ganze Tragik unserer Lage erkennen, dann braucht man nur der Geschehnisse zu gedenken, die in unseren Tagen der deutschen Judenheit Tröstungen sind. — Die Leute mit den „objektiven" Werten könnten von harmlosen Geschehnissen reden, von so harmlosen, dass sie kaum Erwähnung verdienen. Aber die Zeitseele, die in so eigen verwobenen Beziehungen und Wechselwirkungen zum Geschichtsleben steht, die Seele der Völker, wie sie sich in der Zeit äussert, ist egoistisch-subjektiv und will sich nur selbst zeichnen und werten, indem sie Menschen und Ereignisse wertet. Sie hat ihre eigenen wechselnden Maasse. Vielleicht wäre eine andere Zeit — zwanzig Jahre früher — achtlos daran vorübergegangen. Heute hatte es durch Wochen die öffentliche Meinung, soweit sie für Juden hergestellt wird, beschäftigt: Ein Landgerichtsrat — ein Mitschüler des Kaisers — war zum Oberlandesgerichtsrat ernannt worden, das war ein Labsal in trüber Zeit. Ein Trost im Unglück. Und gar als der deutsche Kaiser einem verdienten Manne, einem Juden, seine Büste schenkte!!....... Und man fand einen Trost darin, dass Graf Waldersee bei einem Juden — zum Abendbrot war. Graf Waldersee! Bei einem Juden! Der Mann, der den jungen Prinzen Wilhelm auf die christlich-soziale Arbeit hingewiesen, und der, weil er den sozialen Gedanken gegenüber dem manchesterlichen Laisser faire-Liberalismus der „Judenpresse" verteidigt hatte, . . doch ein Antisemit sein musste — der Mann ass bei einem Juden! . . . Das sind unsere Tröstungen heute! Damit lullt sich die Verzweiflung ein. Man könnte ein altes Wort variieren: „Sage wir, was dich tröstet, und ich will dir sagen, wie dir ist." . . . ... Im Haushalt des nationalen Lebens hat auch der Trost seine Aufgaben. Die Not der Tage soll er überwinden durch Stolz und Hoffnung und aus gefährlicher Verzweiflung wuchtige Geschichtskräfte entbinden. Und Lebenslust und Arbeit fürs Leben soll er aufpeitschen. Tröstungen aber, die uns schlaff machen zur Tat und die Sinne umnebeln, sie sind gefährlich, trügerisch 7 o 7 o und verhängnisvoll. Die Lüge hat sie geboren. Sie sind des Todes heuchlerische Vorboten: Das letzte Lächeln im Antlitz eines einsam Sterbenden. . . Zu dieser Vereinsamung sind wir gekommen und mussten wir kommen, weil das Verschwinden unter den Völkern für uns Ideal der Zukunft war. Welche Tröstungen konnten aus diesem „Ideale" fliessen? — Ein Abendbrot, ein Amt, eine Büste! Kur unsere nationalen Zukunftshoffnungen voll Kraft und Grösse können unseren schwachgewordenen Optimismus wieder neubeleben und Trost bringen in trüber Zeit. Trost in jenem starken Ahnen-Sinne, der da heisst: Nicht resignieren und verwinden. Sondern niederringen, überwinden, leben! DAS JUEDISCHE VOLKSLIED. Von Bar-Ami. Endlich wurde uns die erste Sammlung jüdischer Bangen und Sehnen austönen lassen. Wir verdanken Volkslieder beschert, wirklicher, aus dem Munde des die Sammlung den Herren S. Ginsburg und P. Marek. Volkes geschöpfter Lieder, in denen die Millionen der In das Gefühl der Freude über den Besitz des scfiönen Ungenannten ihr Leid und ihre Freude, ihr Hoffen und und gehaltvollen Buches mengt sich jedoch eine bittere __ Empfindung: warum so spät? Hätte nicht die Er- *) Jüdische Volkslieder aus Russland." St. Petersburg. forschung der „Volksliteratur" — im weitesten Sinne:

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