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Ost und West · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. Seite 147 - 148

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Tröstungen
Date
1904-03-01
Page
Seite 147 - 148 (sequence 2)
Language
German
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147 Dr. Theodor Zlotisii: Tröstungen. 148 und Nachahmung zugleich, wenn jüdische Gelehrte mit besonderem Eifer darauf hinweisen, dass wir auch unser Jenseits haben, also dem Christentum nicht nachstehen). Für die „Andern" war der Schmerz eine Wollust. Unsern durch keine fremde Weltanschauung verrenkten Sinnen aber war der Schmerz ein kräftiger Hinweis auf drohende Gefahr und ein gesteigerter Antrieb zur Lebenserhaltung. So floss aus Leid und Schmerz spornende Tröstung. Tröstung, die sich in Arbeit umsetzte. Unsere Tröstung der Armen war die Z'dokoh, die ausgleichende soziale Gerechtigkeit. Wir haben die Armen nicht auf das Himmelreich vertröstet, denn all unsere Tröstung war der Diesseitigkeit voll. Und in den schweren Schlägen, die unsere nationale Selbständigkeit niederschmetterte, war nicht ein Reich über den Wolken unser Trost, sondern die sichere Erwartung, dass ein jeder in Frieden unter seinem Oelbaum sitzen werde. In dem Ringkampf von Verzweiflung und Hoffnung, aus denen ja der Trost herauswächst, war es immer ein erschütterndes Zeichen des Sieges der Verzweiflung, wenn mystische Jenseitigkeit sich in unsere Zukunftsträume tröstend drängte. Mit den tiefem Schmerze über die Zer- O Störung unseres nationalen Zentrums und mit der vollkommenen Zersplitterung und Zerstreuung — „gleich wie der Säemann die Körner hinausstreut auf das Land" — gewinnt der Unsterblichkeitsgedanke imd die Vergeltung im Himmel stärkere Betonung. Niemals aber die Oberhand. Lrnd es bleibt ein bedeutsames volkspsychologisches Dokument, dass bei uns Juden selbst die metaphysischmystischen Vorstellungen, die aus Gegenwartsnöten und Verzweiflung herausgesprosst waren, immer so stark untermischt blieben mit wilder, irdischer Lebensgier. Man denke an die Messiasbewegungen, an den Chassidismus. Die heilige Ekstase öffnet nicht nur den Himmel, dass man die Wonnen der Frommen mitanschauen kann und die Englein und guten Geister am Werke sieht. Sie hebt auch über die anderen elenden Menschen hinaus und täuscht ein stolzes Distanzgefühl dem Armseligsten selbst vor. Und darin liegt auch die nationale Tröstung, dass nationaler Stolz — zum Hochmut oft gesteigert — sich über alle äussere Unterjochung hinausreckt und ein Siegergefühl denen vortäuscht, die zu Boden geschmettert sind. Diese Bewusstwerdung unseres Volksädels, der sich zu dem Dankgebet verdichtet, dass Gott uns nicht gemacht wie die anderen Völker, hat uns in aller Verfolguno- O O getröstet. Und es ist bemerkenswert, dass die jüdische Volksseele ihren Gott, auf den sie ihr Hoffen und Sehnen, Stolz und Grösse projiziert, immer wieder als den Allgewaltigen preisst, vor dem die anderen Völker wie Wichte und Zwerge verschwinden. Der zweite Jesaias, der leidenschaftlichste Patriot in unserm Exil, schwelgt in seiner grossen, ewigkeitsstarken Trostrede geradezu in solchen Vorstellungen. Das aus eigenem Erdreich gerissene Volk will er zum Ausharren und zur Zukunftsfreudigkeit emportrösten, und da stachelt er den Volksstolz gegenüber den elenden Eroberern auf mit jüdischkultischen Vorstellungen. Unser Gott, der ja der Vater und Schützer unseres Volkes ist, ist auch der Hort aller Attribute unserer Volksseele. Er lacht des Gezüchtes der Völker. „Wie ein Hirt wird er seine Herde weiden, mit seinem Arm sammelt er die Lämmer und in seinem Busen trägt er sie, die Säugenden leitet er." . . ,,Siehe, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer und wie der Staub an der Wagschale. Alle die Völker sind wie ein Nichts vor ihm, geringer als Wesenloses und Leeres.44 Was derProphetenMund, als Gottes Wort gekündet hat, das waren die in ihrer heiligen Persönlichkeit zusammengeflossenen, geläuterten, und in leidenschaftlichnationalem Patriotismus gesteigerten letzten Empfindungen und die geheimsten Hoffnungsträume der jüdischen Volksseele. Und in diesem Zusammenhange erklärt es sich leicht, dass das Volk in seinem schützenden und tröstenden Gott den Gott — auch der Rache sah! Denn er war der Gott eines geknechteten Volkes. Er war ein persönlicher Gott — ein Gott voll Persönlichkeit. Der Gott eines Volkes voll Persönlichkeit.--— —--—-- Was Wunder, dass zu einer Zeit, wo starke Bruchteile unserer Volkheit zu schwammigem Konfessionalismus verblassten, was Wunder, dass der grosse, starke, trotzige Gott, weil er nicht mehr an ein grosses, starkes, trotziges Volkstum gebunden war, zur wehleidigen „Liebe" wurde. Konnte noch die aufreckende Kraft der Tröstung von dorther kommen, wenn in dem zu Boden geschmettertem Volke Volkstum und Volkshoffnung verschüttet war? An die Stelle der gesund-egoistischen Volkszuversicht hat man blasse Schemen von einer jüdischen Weltmission gesetzt — Lügen, die zu dumm, zu offensichtlich waren, um tröstende

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