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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 117 - 118

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Unbekehrt
Date
1904-02-01
Page
Seite 117 - 118 (sequence 3)
Language
German
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117 Bruno Lessing: Unbekehrt. Und immer von neuem wiederholte er die Mahnung aus dem Talmud: „Der Mensch soll nimmer vergessen, sich zu sagen, dass alles, was Gott tut, zu seinem Besten dient." Aber plötzlich lächelte ihm das Schicksal. Ein unerwartet glücklicher Zufall, sein entschlossenes Zugreifen, ein paar rasche, vorteilhafte Spekulationen machten ihn unabhängig. Er Hess mich sein grosses Glück teilen. Wir eröffneten ein kleines Bankhaus auf der Ostseite, und so gross war das Vertrauen, welches ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde, dass unser Geschäft in weniger als einem Jahre ein wohlbekanntes und angesehenes war mit Aussichten für die Zukunft, die glänzend genannt werden konnten. Jedoch auch in der Zeit des aufblühenden Wohlstandes blieb er ein frommer Jude. Kein Fest ging unbeachtet vorüber, nichts von dem vorgeschriebenen Zeremoniell blieb unbeobachtet. Was der Talmud an Werken der Frömmigkeit, Güte und Wohltätigkeit vorschrieb — alles führte er treulich aus. Dann kam der schwarze Tag — die grosse Panik vor sechs Jahren — Sie erinnern sich wohl noch daran? Ganz urplötzlich, an einem Freitag, zog es herauf wie eine unheilschwangere schwarze Wolke, welche ihren verderbenbringenden Inhalt am nächsten Morgen zu entladen drohte. In Haufen kamen alle seine Kunden zu ihm und fragten ihn, ob sein Bankgeschäft am nächsten Tage offen sein würde. „Nein!" erwiderte er, „morgen ist Sabbat." „ Dann sind Sie ruiniert!" riefen sie, „und wir sind ruiniert!" Er aber entgegnete ihnen in seiner ruhigen Art: „Freunde, ich habe genug Geld erspart, um Euch gegen jeden Verlust zu schützen, auch wenn mein Geschäft vom Erdboden verschwindet. Aber morgen ist Sabbat. Sechzig Jahre lang habe ich den Sabbat gehalten, und ich . werde es morgen auch tun." Die Augen des Erzählers wurden nass, und dicke Tränen rollten ihm über die Backen, als er fortfuhr: „An-dem'folgenden Montage gab er jedem Manne, jeder Frau und jedem Kinde, die ihm * ■} vertraut, jeglichen Penny, LAZAR ROSEXBERG den er erspart, und veranlasste mich, ein Gleiches zu tun. Und als das geschehen und der letzte Gläubiger voll befriedigt gegangen war, wandte er sich zu mir und sprach: Der Mensch soll nimmer vergessen, sich zu sagen, dass alles, was Gott tut, zu seinem Besten dient." Und am nächsten Tage — — nun, am nächsten Tage baten wir in einer Schwitzbude um Beschäftigung,, und dort haben wir seitdem gearbeitet. Wir waren zu alt geworden, als dass wir uns in neue Unternehmungen hätten einlassen können. Ich für meine Person würde ja das Geld, das wir gespart, hatten, festgehalten haben, aber er, er war so gut, so ehrenhaft, dass ihn der blosse Gedanke schon mit Scham erfüllte. Und jetzt ist er verbraucht! In wenigen Tagen wird er sterben, und ich werde zurückbleiben, um aliein weiter zu kämpfen. Aber, Freund, der Mann, welchen Sie dort auf seinem ärmlichen Lager liegen sehen, ist ein Jude! Wollen Sie ihn bekehren? Was wollen Sie, dasser glauben soll? In welch anderen Glauben wollen Sie den seinen umwandeln? Ach, Sie werden sagen es seien nicht viele zu finden, die ihm gleichen. Nein,, wahrlich nicht! Wollte Gott, es wäre der Fall! Dana würde die Weit glücklicher sein. Aber der jüdische Glaube hat ihn zu dem gemacht, was er war! Oh, wenn alle Juden so fest hielten an der Religion ihrer Väter, wie er — welch leuchtendes Beispiel) für die Menschheit würde Israel sein! — Ich danke Ihnen, mein Freund. Sie sind . mit mir gekommen und haben mir zugehört Jetzt muss ich für meinen armen Freund sorgen. Möge der Frieden Gottes mit Ihnen sein!" Der Missionsprediger verbeugte sich und schritt hinaus, ohne ein Wort zu sprechen. Aber seine Lippen bebten. Einen zweitenStrassen- Gottesdienst hat Thomas . Gillespie nicht abgehalten. STUDIE.

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