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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 115 - 116

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Unbekehrt
Date
1904-02-01
Page
Seite 115 - 116 (sequence 2)
Language
German
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115 Bruno Lessing: Unbekehrt. 116 dessen erster Strassen-Gottesdienst ein so plötzliches Ende gefunden hatte, auf die Füsse helfen. Mit einem Taschentuch, das offenbar noch aus den Tagen der Patriarchen stammte, versuchte der Hilfreiche das aus einer Wunde in der Wange Gillespies strömende Blut zu stillem „freund," sagte er dann zu dem Geistlichen, „haben Sie ein paar Minuten Zeit? Wenn ja, so begleiten Sie mich nach Hause. Ich wohne ganz in der Nähe und möchte gern mit Ihnen reden." Gillespie war vollkommen fassungslos; die Vorgänge der letzten Minuten hatten geradezu betäubend auf ihn gewirkt. Er war jung und voller Enthusiasmus; die Idee, die Juden der Ostseite zum Christentum zu bekehren, entstammte seinem Hirn allein, war ganz und gar sein Unternehmen, das er ohne welche Bezahlung und ohne Aussicht auf irgendwelchen Lohn unternommen hatte. Da er Deutsch recht gut sprach und auch etwas Russisch verstand, hatte es ihm nicht viel Zeit gekostet, sich den eigentümlichen, russischdeutsch-hebräischen Dialekt zu eigen zu machen. Dann kam dieser Strassen-Gottesdienst, der plötzliche Ausbruch verachtungsvollen Spottes, der sich zur Wut steigerte, ehe er noch ein paar Dutzend Worte der feierlichen, von ihm so sorgsam ausgearbeiteten Predigt gesprochen, der Ansturm, der Stein, der seine Wange traf und — nur dunkel erinnerte er sich daran — das energische Eingreifen des jetzt neben ihm Stehenden zu seinem Schutze. Wie gern war er bereit, den Helfer aus der Not zu begleiten oder sonst irgend etwas zu tun, um ihm seine Dankbarkeit zu zeigen, um so mehr, da er" ja dort einen Moment der- Erholung - finden würde. Er fühlte das Bedürfnis, über das Vorgefallene in Ruhe nachdenken zu können. Sein Beschützer führte ihn in eine nahebei gelegene grosse Mietskaserne, leitete ihn durch den Hausgang über den Hof nach dem Hintergrunde und schritt ihm dann voran — vier schmutzige, steile Treppen empor. Oben angelangt, öffnete er ein.e Tür, und der Geistliche trat in einen Raum, welcher, den sehr gemischten Gerüchen nach zu schlie'ssen, gleichzeitig als Wohn-, Schlaf-, Esszimmer und Küche diente. In der einen Ecke stand ein Sofa, auf welchem ein anscheinend . schlafender Mann lag. Sein langer, grauer Bart hob und senkte sich auf der Decke bei den regelmässigen Atemzügen, aber seine Wangen waren eingefallen und die Hände, .welche sich um den Rand der Decke krampften, mager und blutlos. „Ruhen Sie sich ein wenig aus," sagte der grosse Mann zu dem .Geistlichen, „es hat Sie schärf mitgenommen." . Gillespie setzte sich und stiess einen Seufzer der Erleichterung aus; er war wirklich müde, und es schien ihm eine wahre Erquickung, dass er sitzen durfte. Je|zt begann er auch seinem Beschützer zu danken, aber bei dem Klange seiner Stimme blitzte es in den Augen des Mannes auf. „Hören Sie zu!" riei er aus, indem er sich vorbeugte und die Hand gegen den Geistlichen ausstreckte. „Hören Sie auf das, was ich Ihnen sagen werde. Ich habe Sie hierhergebracht, weil ich Sie für einen ehrlichen Mann halte. Sie gleichen einem Menschen, der mitten im hellen Lichte einherschreitet und behauptet, es sei alles ringsum dunkel. Sie sind hierhergekommen, um den Juden zu predigen und sie dazu zu bewegen, die Lehren des Propheten zu vergessen und zu glauben, dass der Messias wirklich gekommen sei. Aber um Juden zu predigen, müssen Sie diese Juden erst finden. Bisher haben Sie nicht zu Juden gesprochen — auch "der, dessen Stein Sie traf, war keiner. Wohl ist wahr, was der Talmud sagt: „Ein Israelit bleibt auch dann ein Israelit, wenn er sündigt und des Glaubens seiner Väter vergisst," aber Ihr Ziel war doch nicht, die Sünder gegen Israel zu bekehren, sondern Juden. „Und um Ihnen einen Juden zu zeigen, habe ich Sie hierhergebracht. Der alte Mann, den Sie dort sehen — nein, er schläft nicht. Er stirbt! Sie erschrecken? Seien Sie unbesorgt, er leidet an keiner ansteckenden Krankheit. Die Kunst der Aerzte kann für ihn nichts tun. Er ist ein alter Mann, müde vom Kampfe ums Dasein, verbraucht, langsam verlöschend wie ein ausgebranntes Licht. Oh, er wird seine Augen wieder öffnen, wird auch essen, aber es gibt keine Hoffnung mehr für ihn. In wenigen Tagen ist alles vorüber. , Er ist ein Jude. Wir, er und ich, kamen zusammen von Russland hierher und. haben nahezu ein Vierteljahrhundert lang Schulter an Schulter gearbeitet und gestrebt. Bei mir dauerte es nicht lange, bis ich gar manches von dem, was die Rabbiner mich gelehrt, vergass und michungeduldig gegen die freiheitsbeschränkenden Vorschriften der Religion auflehnte. Er aber wich und wankte nicht. Ihm war die Religion Lebenslust, und er hätte von ihren Vorschriften und Lehren ebensowenig abweichen können, als leben, ohne zu atmen. Es war ein harter Kampf, diese Sklavenarbeit Jahr für Jahr, vom Morgengrauen bis zur" Dunkelheit, ohne die Möglichkeit, etwas zu sparen, ohne Aussicht vorwärts zu kommen, ohne Zukunft, ohne Hoffnung. Oft genug verlor ich den Mut, aber er bewahrte immer seinen Frohsinn. Denn er besass den echten Glauben, der ihn aufrecht hielt, und fand stets ein Lächeln, ein tröstendes Wort oder ein passendes Zitat aus dem Talmud, um "auch mir neuen Mut einzuflössen. Er argumentierte mit mir, er redete mir tröstend zu, er las mir die Worte des Gesetzes und die Auslegungen der gelehrten-Rabbiner vor, nimmer ermüdend, immer sanft, geduldig, liebevoll — Tag für Tag, Jaluf für Jahr. Und dabei arbeiteten wir zusammen für dasN tägliche Brot, litten, hungerten und mussten gar manches Unrecht, manche Beschimpfung erdulden.

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