Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Lazar Rosenberg
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 93 - 94 (sequence 3)
- Language
- German
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Julius Leviu: Lazar Rosenberg. 94 LAZAR ROSENBERG. STUDIE. Farben wie ihrer tiefen Mitteltöne und Schatten, zu etwas Bestimmtem geführt. Man verliert sich niemals ins Ungewisse, wie es bei Malern vorkommt, die, sei es aus Moderücksichten, sei es aus natürlicher Veranlagung, überall nur Farbenflecken sehen. Rosenbergs Arbeiten haben ein festes, ohne weiteres deutlich erkennbares Rückgrat. Das kommt vielleicht nicht zuletzt daher, dass Rosenberg den Ausdruck einer Persönlichkeit, kurz das, was man die Seele nennt, malen will. Es kommt ihm nicht so sehr auf die äussere Form und Richtigkeit an, die sich unterordnen müssen, wenn sie das Innerste des dargestellten Gegenstandes zu verdunkeln oder zu verdecken imstande wären. Die Empfindungen, die seine Umwelt in ihm erweckte, und die ein grosses Vorbild vertiefte, sind in Rosenberg wirksam geblieben. Licht, Form und Farbe sind ihm Mittel zur Darstellung von Gefühlen, die sich im Menschen verkörpert zu haben scheinen. Man hat nur nötig, die diesem Aufsatze beigefügten Bilderproben zu betrachten, um genau zu empfinden, wie Rosenberg das Charakteristische, das Ergebnis der Herkunft und Anlage, das Schicksal der Menschen in ihnen sichtbar macht. Das lachende, mit dem Kopfe aufliegende Mädchen, in dessen Augen sich die schelmische Traurigkeit spiegelt; das kauernde, sehnsuchtsvoll hinausblickende Kind, das vor der Zukunft zu erschauern scheint, weil sie mehr Trauer enthält, als seine grossen Augen zu umfassen vermöchten; der alte jüdische Bettler am Türpfosten (sehr charakteristisch, auch hinsichtlich der Farbenbehandlung; die Flecken sind fast geizig verteilt, wie die paar Groschen, die dem Armen in die starren Hände fallen werden); der schlafende Knabe, in hellen, fast weissen, unschuldsvollen Tönen gehalten; das Kind am Spinnrocken; der lachende, rauchende Junge (nach einer frühen Studie), dem die Frechheit und Schelmerei aus dem Gesicht leuchten; die drei Köpfe der Alten, in so lebendiger Haltung, dass man nicht bloss aus ihrem Antlitz und ihrem Ausdrucke, sondern allein aus den Linien herauslesen könnte, was sie denken und sagen möchten: Alle diese Arbeiten zeigen uns Rosenberg als den mit seinen Modellen sich identifizierenden, seelenvollen Künstler, der tief in dem Boden seiner Heimat wurzelt und als russischer Jude Russisch*Jüdisches mit besonderer Liebe erfasst, ohne darum sich von den allgemeinen menschlichen Empfindungskreisen abzuwenden. Er steht heute inmitten seiner Entwickelung, deren künftige Richtung zu bestimmen mir zwar nicht zusteht, die aber, aus dem Vorhandenen heraus, nicht schwer vorzuahnen ist. Rosenberg wird durch Vertiefung seiner Qualitäten einer der Künstler werden, die der Mode nicht opfern, wenn sie sie nicht anerkennen, und, unter Missachtung von Aeusserlichkeiten, nur dem Innersten der Gegenstände ihre Aufmerksamkeit und ihre Kraft zuwenden. LAZAR ROSENBERG. SCHLAFENDER KNABE.