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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 91 - 92

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Lazar Rosenberg
Date
1904-02-01
Page
Seite 91 - 92 (sequence 2)
Language
German
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91 Julius Levin: Lazar Rosenberg. 92 das Mitgefühl, das aus allen Gemälden des allergrössten Meisters der leidenden Welt entgegenschlägt, musste besonders erschütternd wirkea auf das Herz eines Künstlers, der das Leiden bei den Nächsten und Näheren mit eigenen Augen von frühester Jugend gesehen hatte. Der machtvoll brausende Ton, der sich aus der himmlischen Leier Rembrandts über alle Welt verbreitet hat, stiess auf diese ferne, gleichgestimmte Saite und brachte sie zum Schwingen. Die Charakteristik der Armen, die Rosenberg um sich sah, war das Erste, das ihn reizte. Er wollte in ihnen aber nicht nur Wesen sehen, die Gegenstand des Mitleids sein sollten, sondern vor allem lebende Menschen, denen nichts Menschliches, auch die Heiterkeit nicht, fremd ist. Es entstanden damals eine Anzahl Bleistiftskizzen, die gerade durch ihre Lebendigkeit und Natürlichkeit, durch das Ungesuchte, mit dem sie sich dem Auge des Beschauers darboten, einen tiefen Blick in das gequälte Herz der Dargestellten tun Hessen. Neben dem Studium auf den Akademieen nahmen Rosenberg schon früh häufige Porträt- Aufträge in Anspruch. Er malte Persönlichkeiten aus seinem FreundesundBekanntenkreise. Trotzdem sich sein Können dabei in normaler Weise entwickelte, empfand er selbst, dass ihm eine neue Anregung nötig war. Mit Hilfe der schon genannten Herrn und der Frau Bendix Levy wurde es ihm möglich gemacht, nach Paris zu gehen, wo er in das Atelier Bonnats eintrat. Wichtiger als der Unterricht des nach und nach immer formalistischer gewordenen Pariser Porträtmalers war für Rosenberg die Einwirkung der Kunststadt Paris selbst. In einer freien Luft, in interessanter Umgebung, das Auge offen für das Charakteristische, durchlebte er unvergessliche Tage. Die Schönheit des Bildes, der Glanz der künstlerischen Betätigung, die Solidität der Ausbildung, durch die die Mehrzahl der französischen Künstler sich auszeichnet, haben ihn endgültig beeinflusst. Vor die Wahl gestellt, nach Italien oder nach Paris zu gehen, entschied er sich voll sicheren Instinktes für das letztere, und er hat es nicht zu bereuen gehabt. Er konnte dort seinem Geschmack LAZAR ROSENBERG. und seiner künstlerischen Tätigkeit eine bestimmte Richtung geben, da ihm dort der Vergleich zwischen moderner und alter Kunst und den verschiedensten Aeusserungen moderner Kunst untereinander in ganz einziger Weise ermöglicht war. In Paris entschied sich seine Zukunft. Rosenbergs Weg ging zu einem soliden Können, vorbei an gewissen, hypermodernen Richtungen, denen nicht nur Berufene, sondern auch, und noch viel öfters, Unberufene folgen. Die Malerei der Dekadenten, ja sogar die der Allerneuesten hat ihn, interessiert, aber nicht zur eigenen Ausübung begeistert. Rembrandt ist in technischer wie in geistiger Hinsicht sein Ideal geblieben, ohne dass er sich deshalb dem Geiste des Zeitgemässen verschlossen hätte. Die Tonleiter, in der sich Rosenbergs Malerei bewegt, liegt höher als diejenige seines grossen Meisters, aber die Harmonielehre ist noch im wesentlichen diejenige, welche anfangs des 17. Jahrhunderts in Amsterdam zu Recht bestand. Rosenbergs Bilder sind alle möglichst durchgearbeitet, trotz gelegentlicher, aber völlig sachgemässer Vernachlässigung einzelner Teile. Die hart nebeneinander gesetzten Töne liebt er nicht. Trotz ihrer Bestimmtheit an dem Ort, an dem sie stehen, sind sie bei ihm immer sorgsam vermittelt, und selbst dann, wenn sie ganz allein zu sein scheinen, entsprechen sie doch anderen. Sie bilden eine Symmetrie. Der Maler befolgt den alten, guten Grundsatz von der Abstufung der Gegenstandsbehandlung und dem Gleichgewichte der Töne, einen Grundsatz, den Rembrandt vor allen anderen wunderbar festzuhalten und zu befestigen verstanden hat. Diese Qualitäten Rosenbergs wird man in allen seinen Bildern finden, und ganz besonders ausgeprägt in denen, bei deren Ausführung ihm vollste Freiheit gelassen, bei denen das Modell nicht so sehr Gegenstand der Darstellung wie beim Porträt, sondern Anreger malerischer Sensationen war, die vor ihm und nach ihm versachlicht werden sollen. Diese malerischen Sensationen emptängt Rosenberg ebenso lebhaft von der Form des Modells wie von dessen Farben, und so wird man denn auch in allen frei, rücksichtslos nach der wahren Natur gemalten Bildern, Studien oder Skizzen des Künstlers, trotz ihrer oft sehr lebhaften

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