Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Der erste modern-wissenschaftliche hebräische Bibelkommentar
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 61 - 62 (sequence 2)
- Language
- German
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61 Dr. Felix Perles: Der erste modern-wissenschaftliche Bibelkommentar. 62 holen, während wir im Mittelalter die Führung in der biblischen Wissenschaft hatten und im Reformaüonszeitalter die Lehrer der Christen auf diesem Gebiete waren. Doch nicht nur auf wissenschaftlichem Gebiet zeigen sich hier die schlimmen Folgen unserer Rückständigkeit. "Welches B-uch über die Bibel, welche Uebersetzung, welche Darstellung des Prophetismus können wir unseren Gebildeten, unseren Frauen und Kindern in die Hand geben? Wie viel glücklicher sind in dieser Beziehung unsere Glaubensbrüder in England, die in Montifiores Jewish Bible for home reading eine ebenso vornehm ausgestattete, wie inhaltlich zuverlässige Hausbibel besitzen, die ihnen gleichzeitig die nötigen Anregungen für das geschichtliche und religiöse Verständnis bietet. Trotz alledem hat Abraham Kahana die geeigneten Mitarbeiter für sein Werk gefunden, und da es sich um einen hebräischen Kommentar handelte, brauchte er sich glücklicherweise nicht auf deutschschreibende Gelehrte zu beschränken, sondern konnte jüdische Bibelforscher aus aller Herren Ländern heranziehen. Wir finden daher unter den Mitarbeitern auch Frankreich (Lambert), Italien (Chajes) und Russland (der Herausgeber) vertreten. Wir sehen hier also auch schon rein äusserlich Ost und West mit einander verbunden. Noch deutlicher sehen wir die innere Verbindung von Ost und West in dem eben erschienenen ersten Hefte, das den Kommentar zu den Psalmen (1. Teil Ps. 1—72) von Chajes enthält. Der Verfasser, der würdige Enkel von R. Zewi Hirsch Chajes, vereinigt in seiner Person alle charakteristsichen Züge von Ost und West: an den Brüsten des Talmuds grossgezogen und schon in jungen Jahren ein scharfsinniger Kenner und Kritiker des rabbinischen Schrifttums, hat er an der Universität und am Rabbiner-Seminar in Wien die modern-wissenschaftliche Ausbildung genossen, als . deren Frücht er schon eine Reihe wertvoller Untersuchungen ~ <eine davon erschien in den Denkschriften der Wiener Akademie — veröffentlicht hat. Er ist von modern-jüdischem Geist erfüllt und schreibt ein ausgezeichnetes Hebräisch. Sein Psalmen-Kommentar bietet nicht etwa nur eine Zusammenfassung der Resultate der bisherigen Erklärer, sondern geht häufig in kühnen, oft glücklichen exegetischen und kritischen Bemerkungen über seine Vorgänger hinaus. Jedem Psalm ist eine Einleitung vorausgeschickt, die die vermutliche Abfassungszeit, den Inhalt und die poetische Form bespricht. Der Kommentar selbst will vor allem das sprachliche Verständnis der einzelnen Stellen vermitteln und enthält auch zahlreiche neue wertvolle grammatische und lexikalische Beobachtungen. Das exegetische Material aus den alten Uebersetzungen wird in der Regel im Original (leider durch häufige Druckfehler entstellt) angeführt. Ich weiss nicht, ob das bei den meisten Lesern und Benutzern des Kommentars nötig ist, da der grösste Teil wohl garnicht griechisch und lateinisch liest. Dagegen wäre es wünschenswert, dass die Namen der bis herigen Erklärer, die in der Regel unter dem Schleier eines ti'.ttneö verhüllt bleiben, wenn nicht zu jeder Stelle, so doch wenigstens in der Vorrede genannt werden. Demnächst soll auch die zweite Hälfte des Psalmenkommentars sowie die Kommentare zur Genesis von Kahana, zu Jesajas von Krauss und zu Daniel von Lambert erscheinen. Hoffen wir, dass das grosse Werk bald vollständig vorliege und dazu beitrage, die wissenschaftliche Bildung unserer Brüder im Osten zu heben und die Bibel wiederum zum Besitz des jüdischen Volkes zu machen. LEO HOROVITZ. FIG. VI. SILBERNE THORA-KRONE, VERGOLDET. (Zum Artikel „Synagogale Kunst".) DAS GALIZISC Wir erhalten folgende Zuschrift zu dem im vorigen Hefte erschienenen Artikel von Herrn Maximilian Paul-Schiff über das galizische Hilfswerk: Ich habe keine Veranlassung, auf die Erörterungen des Herrn Schiff einzugehen, soweit sie das Verhältnis der einzelnen österreichischen Organisationen und Landesteile zueinander berühren. Nur insofern möchte ich eine Klarstellung geben, als Herr Schiff sich mit der Anteilnahme der nicht österreichischen Juden an den galizischen Verhältnissen und insbesondere an dem galizischen Mädchenhandel beschäftigt. Herr Schiff ist ein ausgezeichneter Sachkenner der einschlägigen Zustände, und Herr Schiff äussert sich mit erfreulichstem Wohlwollen über die Tätigkeit des „Hilfsvereins der deutschen Juden". Also mag es mir iE HILFSWERK. gestattet sein, festzustellen: Es herrscht auch in der Beziehung zwischen seinem Standpunkt und dem des Hilfsvereins vollste Uebereinstimmung, dass endgültig dem Mädchenhandel in Galizien nur durch eine wirtschaftliche Hebung der in Betracht kommenden Bevölkerungsschichten gesteuert werden kann. Dies ist zweifellos die Voraussetzung, und dementsprechend sind gerade in diesen Tagen in einer erneuten Konferenz in Berlin zwischen Vertretern des Wiener Hilfsvereins für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien und des Berliner Hilfsvereins der deutschen Juden Vereinbarungen getroffen worden, die diesen Zweck zu fördern geeignet sind. Aber dieses zugegeben, erscheint mir doch die Konferenz in Lemberg ein Gebot der Notwendigkeit gewesen zu sein.