Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Der erste modern-wissenschaftliche hebräische Bibelkommentar
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 59 - 60 (sequence 1)
- Language
- German
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59 60 DER ERSTE MODERN-WISSENSCHAFTLICHE HEBRÄISCHE BIBELKOMMENTAR.1) Von Dr. Felix Perles. (Nachdruck verboten Der engere Zusammenschluss von Ost und West im Judentum, der auf künstlerischem und literarischem Gebiete schon in der kürzesten Zeit so herrliche Früchte getragen hat» ist der jüdischen Wissenschaft bisher nur wenig oder garnicht zugute gekommen. Wenngleich die hebräischen Zeitungen, Zeitschriften und Jahrbücher sich die redlichste Mühe gaben, ihre Leser mit den wissenschaftlichen Arbeiten des westeuropäischen Judentums bekannt zu machen, wenngleich verschiedene Biographien der bedeutendsten Gelehrten und teilweise sogar schon Uebersetzungen ihrer Werke vorliegen, liessen sich hier noch keine greifbaren Resultate erzielen und fehlt noch jede innere Annäherung zwischen der Gedankenwelt der alten Lomdim und der modernen westeuropäischen Gelehrten. Auf der einen Seite ein von frühester Jugend an methodisch geschulter Geist, der mit allen Kenntnissen und Hilfsmitteln der philologischen und historischen Wissenschaft arbeitet und in seiner Kritik vor keiner Konsequen zzurückschrickt, auf der anderen Seite ein innerhalb der „vier Ellen der Halacha" festgebannter Geist, der die Gegenwart weder kennt noch versteht, der seine Hauptnahrung im Talmudstudium und seine Hauptbetätigung in einer haarspaltenden Dialektik findet, daneben eine Pietät gegen die Tradition, die gar keinen Gedanken an eine Kritik aufkommen lässt, und dazu oft noch eine überreizte Phantasie, die durch die Versenkung in die Kabbala sich immer mehr von der wirklichen Welt abwendet. Es sollte fast unmöglich scheinen, dass sich eine Brücke zwischen diesen beiden sich verständnislos gegenüberstehenden Weltanschauungen schlagen Hesse, und doch gibt es einen Berührungspunkt, gibt es etwas, was beiden Kreisen als ein wertvoller Besitz gilt, es ist die heilige Schrift, oder besser gesagt, der hebräische Text der heiligen Schrift. Seitdem es ein Judentum gibt, haben alle geistigen Bewegungen und Umwälzungen, die sich innerhalb der jüdischen Gemeinschaft vollzogen, an den hebräischen Text der Bibel angeknüpft. Je schwieriger die Erklärung dieses Textes war, desto leichter bot er die Handhabe, alles herauszulesen oder hineinzulegen, was als neue religiöse Erkenntnis ins Volksbewusstsein übergegangen war. Dieser Text war das einzig Bleibende, von vornherein Gegebene, und jeder neue Gedanke, jede neue Einrichtung musste die Feuerprobe auf seine Berechtigung im Judentum durch den Nachweis seiner Uebereinstimmung mit dem Schriftwort erweisen. Die älteste Halacha und Haggada wollen ihrer äusseren Form nach nichts weiter als die richtige Erklärung oder Anwendung des Bibeltextes sein. Schon die Bezeichnungen Haggada2) und Midrasch3) sind Kunstausdrücke der Exegese und deuten darauf hin, dass die Haggadisten und Darschanim in erster Linie als Ausleger der Bibel galten. Eine Reaktion gegen dieses freie Schalten mit dem Schriftwort führte einerseits zur Entstehung des Karäertums, das sich an den Dürrns cwiub rncnnttfrD nw* *»v"ier □•omsi owaa min (*_ V^Din "PüiDi?. .wro nroN i"P 55 2) Von -p;n «der Text sagt, lehrt"; s. Bacher, Jew. Quart. Review IV 406—429. — Die älteste Terminologie der jüdischen Schriftauslegung 30—37. 3) Von tm „suchen", „forschen" (im Schriftwort). '0 Buchstaben der Bibel klammerte, und führte andererseits innerhalb des Judentums zur rationellen Bibel - erklärung, die alle Hilfsmittel der damaligen Wissenschaft in den Dienst der Exegese stellte. Auch die philosophische Bildung konnte erst dann einen Platz im Judentum beanspruchen, nachdem man Aristoteles in der Bibel gefunden hatte, und der More Nebuchim/ ist zwar nicht seiner Form, aber seinem Inhalt und 1 seiner Tendenz nach ein Versuch, zu zeigen, dass Aristoteles und seine Schüler eigentlich dasselbe wie Moses und seine Jünger, nur mit ein wenig anderen Worten, sagen. Auch die Kabbala konnte nicht früher zu einer Macht werden, bevor im Sohar ihre Uebereinstimmung mit der Thora vor Augen geführt war. Endlich wäre auch selbst Mendelssohns Aufklärungswerk nicht so schnell gediehen, wenn nicht im Biur der Bibeltext selbst seine scheinbare Sanktion dazu gegeben hätte. Der Sturm, den Mendelssohns Auftreten in den gegnerischen Kreisen hervorrief, und die geringen Erfolge, die sein Werk gerade in den Ländern des Ostens erzielt hat, waren wohl mit die Hauptveranlassung, dass seit jener Zeit keiner der zahlreichen Aufklärer es wieder unternommen hat, in Form eines modernen hebräischen Bibelkommentars denErtrag westeuropäischer Geistesarbeit für die Bildung der jüdischen Massen nutzbar zu machen. Es ist daher mit Freuden zu begrüssen, wenn ein Mann wie Abraham Kahana, der auch sonst sehr grosse Verdienste um die Aufklärung seiner Landsleute hat, ein Unternehmen ins Leben rief, wie es bisher nicht einmal die westeuropäischen Juden aufzuweisen hatten: einen streng wissenschaftlichen, in jüdischem Geiste gehaltenen hebräischen Kommentar zur ganzen Bibel. Die schwierigste Aufgabe war hier, die geeigneten Mitarbeiter zu finden. Denn zu unserer Schande müssen wir es gestehen, wie wenige jüdische Gelehrte beschäftigen sich heute in wissenschaftlicher Weise mit der Bibel! Man überlässt es lieber den evangelischen Theologieprofessoren, das Alte Testament als , Vorstufe für das Christentum zu behandeln oder zu misshandeln. Wie wenig ist in den letzten 30 Jahren von jüdischer Seite für das sprachliche, historische und religionsgeschichtliche Verständnis der Bibel geleistet worden, wie selten wählt ein jüdischer Theologe ein biblisches Thema für seine Doktor-Dissertation! Und wo ist der Grund für diese betrübende Erscheinung zu suchen? Schon Lazarus hat es richtig erkannt, wenn er klagt: „Um nicht an die Klippen der Kritik zu geraten, lässt mancher die Bibel im Schrank stehen/' Diese falsche Scheu hat sich aufs bitterste gerächt, die jüdische Wissenschaft ist auf biblischem Gebiet ins Hintertreffen geraten, und so wenig gerechtfertigt sonst die Geringschätzung ist, mit der die kritischen Theologen auf die Wissenschaft des Judentums herabblicken, aut biblischem Gebiet ist unsere Inferiorität eine traurige Tatsache, über die wir uns nicht hinwegtäuschen dürfen. Wir besitzen weder eine wissenschaftliche Uebersetzung, noch eine Einleitung, noch einen Kommentar, noch eine Religionsgeschichte, noch eine Darstellung der äusseren Geschichte und der Altertümer des biblischen Judentums, wir müssen uns hier fast ausschliesslich aus nichtjüdischen Werken Belehrung