Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Die Astralbilder im poetischen Schrifttum des Alten Testamentes
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 33 - 34 (sequence 1)
- Language
- German
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33 34 DIE ASTRALBILDER IM POETISCHEN SCHRIFTTUM DES ALTEN TESTAMENTES. Von Prof. Dr. theol. et phil. Aug. Wünsche. Einen grossen Reiz verleiht dem poetischen Schrifttum des Alten Testaments der kosmische Bilderschmuck. Dabei kommen in Betracht all die Bilder und Vergleiche, zu denen Himmel, Sonne, Mond und Sterne, die optischen Phänomene der Morgenröte und des Regenbogens, die wässrigen Lufterscheinungen, der elektrische Prozess des Gewitters und die Luftbewegung in Wind und Sturm verwendet werden. Inwieweit auf den Vorstellungskreis des kosmischen Bilderschmucks in Israel fremde Einflüsse eingewirkt haben, ist für unseren Zweck ziemlich gleichgiltig. Manche Bilder und Vergleiche weisen entschieden auf Assyrien und Babylon hin, manche haben eine nationale Umprägung in der Weise erfahren, so dass die fremden Kulturelemente nur noch durchschimmern, die meisten jedoch sind kongeniale Produkte des hebräischen Nationalgeistes. Wir beginnen unsere Betrachtung mit den Bildern und Vergleichen, die den Himmel zu ihrem Gegenstande haben. Die Israeliten haben keine Mythologie, daher erscheint der Himmel niemals als ein selbstständiges göttliches Wesen, sondern er steht zu Jahve in Beziehung, indem er als Ort gedacht wird, wo dieser mit seinen Heiligen thront, oder an dem er seine Zeichen und Wunder vollbringt. Im Affekt der Rede freilich findet zuweilen eine Beseelung des Himmels statt, indem ihm menschliche Affekte zugeschrieben werden und er mit anderen Dingen aufgefordert wird, an dem, was den Dichter bewegt und was im innersten seiner Seele vorgeht, Anteil zu nehmen. So richtet der Sänger des Mosesliedes an den Himmel den Appell: Höret, ihr Himmel, denn ich will reden, Und es vernehme die Erde die Reden meines Mundes! (Deut. 32, 1.) Um dem Vollgefühle über die Grösse von Jahves Macht- und Liebestaten an seinem Volke Ausdruck zu geben, ruft der zweite Jesaia Himmel, Erdgründe, Berge, Wald und Bäume zur Mitfreude auf: Jubelt, o Himmel, denn vollführt hat's Jahve! Jauchzet, ihr Gründe der Erde! Brecht in Jubel aus, ihr Berge, Du Wald und alle Bäume darin! (Jes. 44, 23.) Fast dieselbe rhetorische Formel tritt uns entgegen in der Schilderung der künftigen Erhebung Israels aus Niedrigkeit und Schmach zu Ansehen und Grösse: Jubelt, o Himmel, und frohlocke, o Erde, Und brechet, ihr Berge, in Jubel aus! (Das. 49, 13.) (Nachdruck verboten.) Ein Sänger ist von der Gerechtigkeit Jabves so ergriffen, dass Himmel und Erde, das Meer, das Gefilde und alle Bäume des Waldes an dem Ueberströmen seiner Freude teilnehmen und ihrer Mitfreude Ausdruck geben sollen. Freuen sollen sich die Himmel und frohlocken die Erde; Es erbrause das Meer und was es füllt! Es jauchze das Gefilde und alles, was auf ihm! Alsdann sollen jubeln alle Bäume des Waldes Vor Jahve, denn er kommt, denn er kommt zu richten die Erde. (Ps. 96, 12, 13, vergl. 69, 35.) In ähnlicher Weise fordert ein Sänger die Himmel und seine Bewohner, die Lichtträger und alle Gewässer zum Lobpreise Jahves auf. Die Gefühle des freudigen Dankes, die ihn beseelen, sollen auch sie kund geben. Rühmet Jah, rühmet Jahve von den Himmeln, Rühmet ihn in den Höhen l Rühmet ihn, all seine Engel, Rühmet ihn, all sein Heer! Rühmet ihn, Sonne und Mond, Rühmet ihn, alle Ströme des Lichts! Rühmet ihn, o Himmel den Himmel Und ihr Gewässer an den Himmeln! (Ps. 148, 1—4.) Allein diese Naturbeseelung macht den Himmel nicht zu einem höheren Wesen, das eine besondere Machtsphäre besitzt, über die es frei schalten und walten könne. In der Bildersprache kommt der Himmel nur in wenigen Stellen vor. Wegen seines grossen Abstandes von der Erde dient er den Sängern zum Vergleiche, um dadurch die Grösse der göttlichen Gnade zu veranschaulichen. Jahve, bis in die Himmel (reicht) Deine Gnade, Deine Treue bis zu den Wolken. (Ps. 36, 6.) Denn gross über die Himmel hinaus ist Deine Gnade Und bis zu den Wolken Deine Treue. (Ps. 108.) Wie mit dem Himmel verhält es sich mit den himmlischen Lichtträgern, der Sonne, dem Monde und den Sternen. Sie sind keine Wesen, die aus eigener Machtvollkommenheit wirken, sondern sie sind von Jahve abhängig, stehen unter seinem Willen und in seinem Dienste. Trotzdem zeigen sich bei den Israeliten vorübergehend Spuren der Astrolatrie, man veranstaltete den Gestirnen auf den Dächern Räucherungen (Jer. 19, 13; Zeph. 1, 5) und stimmte Wrehklagen um sie an (Ezech. 8, 14; 2. Kön. 23, 5).