Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Die Sänger
- Date
- 1907-12-01
- Page
- Seite 779 - 780 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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779 Hermann Menkes: Die Sänger. 7S0 erhob sich zuerst still und zart eine Knabenstimme. Die Greise neigten sich vor und lauschten, und es neigte sich manch zartes, trauriges Frauengesicht aus der Weiberschul durchs Fensterlein vor und folgte den Tönen, die süß und wie in einem innigen Erbarmen klangen. Wie Sonne kam es in die düstere Halle voll schwelender Kerzen und Seufzer. Das Haupt Rubens sank in die Arme, die er auf dem Almemor ausgebreitet hatte. Und während seine Tränen flössen, lauschte er der Stimme des Knaben wie einer eigenen Stimme. Ganz hinten, in einer Armenecke, in abgetragenem Feiertagsgewand und geflicktem Gebetmantel, stand Löbl. Und während die Stimme seines Kindes immer strahlender und voll wunderbarster Innigkeit emporwuchs, flüsterte er mit einem glückselig-wehen Lächeln: ,,Chane, Chane, warum konntest du das nicht erleben l" HEINE IM HEBRAEISCHEN. Von Samuel M ei s e 1 s, Charlottenburg. Heinrich Heine ist ein Lebender. Schon dass er soviel angefeindet wird, beweist, dass er kein Toter ist. Sein Flügelschlag ist nicht verrauscht, sein Lerchengesang nicht verklungen. Er ist von ewiger Jugend; seine Blumen im Garten der deutschen Lyrik blühen und duften in ungeminderter Pracht ^rV'^ffi^' f' * - >*~> — - ••r~ k ^XV« - . - - — - '>Sl-"^^4- :>.'&>'" -' •■; , - ^r/^c^: ~- nv-vV;-' ' und Schönheit. Heine ist nicht aus der Mode gekommen. „Flügel des Gesanges" trugen seinen Namen in alle Weltgegenden, und überall wurde er als munterer Spötter und grosser Poet begrüsst Seine Lieder wurden in alle modernen Spra chen üb ersetzt. Selbst die Polen, die ihm seine KrapülinskiundWaschlapki nicht verzeihen, laben sich an seinem Liederquell. Und sollten die Klänge eines Dichters, der um das Haupt Jehuda Halevys einen nie verwelkenden Lieder kränz wand, einzig in der Sprache Halevys kein Echo finden? besonders da diese Sprache sich mit zäher Nachdruck verboten. Tapferkeit der Gesellschaft der toten Sprachen fernhält und bereits mehrere deutsche Dichter in ihr „heiliges Gewand" kleidete? — Heinrich Heine lebt auch in der hebräischen Sprache, man kann heute einen Teil seiner Lieder in zumeist guten hebräischen Uebersetzungen lesen. Der Name Heine? K' v^'V '■*» r •> « «' 5 M. GOTTLIEB Judith. (Zum Artikel »Ausstellung jüdischer Künstler",) OELGEMAELDE. hat ziemlich schnell die Runde durch die Welt gemacht. Aber ins Ghetto ist er verhältnismässig spät eingedrungen. Man spricht oft von Schiller im Ghetto, es Hesse sich auch von Goethe im Ghetto sprechen — dagegen von Heine im Ghetto ist herzlich wenig zu berichten. Die Ursache hierfür ist nicht in seiner Taufe zu suchen. Die literaturkundigen Juden im Ghetto waren — soweit es sich um Dichter handelte — in höchstem Masse tolerant. Im Dichter sahen sie nur den Dichter, den Weisen, den von Gott Begnadeten; sein Privatleben kümmerte sie