Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Die Organisation der Verteidigung
- Date
- 1907-12-01
- Page
- Seite 739 - 740 (sequence 2)
- Language
- German
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739 Dr. Simon Bernfeld: Die Organisation der Verteidigung. 740 des Judentums in mannigfaltiger Weise beschäftigte. Die Schriftsteller, welche sich dieser Arbeit widmeten, mögen nicht immer Klarheit über ihre Ziele gehabt haben; manches ist, ich möchte sagen, instinktiv entstanden, in dem aber doch das geschichtliche Bewusstsein des jüdischen Volkes zum Ausdruck kam. Es wurde mitunter der Versuch gemacht, zwischen dem Judentum und dem Hellenismus einen Ausgleich herbeizuführen. Ich brauche nur auf Philo hinzudeuten, der von den platonischen Ideen erfüllt, nachzuweisen sich die Mühe gab, dass das Judentum, wenn auch in anderen, ihm eigenen Formen, dieselben philosophischen und ethischen Wahrheiten lehre, wie die griechische Weisheit. Auch das war Apologie, die Verteidigung des Judentums gegen diejenigen, die es deshalb herabsetzen zu dürfen glaubten, weil es vom philosphischen Denken fern sei. Diese Art der Verteidigung, gleichviel ob sie so beabsichtigt war, galt in erster Reihe für gebildete Juden, die von der griechischen Bildung viel, vom Judentum aber wenig wussten. Ihnen sollte gezeigt werden, dass die Söhne und Töchter des jüdischen Volkes gar keinen Grund hätten, sich des Judentums zu schämen und es, wie es die Griechen jener Zeit taten, als eine Eeligion von Barbaren zu betrachten. Neben dieser Apologie der Defensive kennen Avir aus dem hohen Altertum auch eine solche der Offensive. Das Beste dieser Art finden wir in der bekannten Schrift des Josephus über das hohe Alter des jüdischen Volkes, die er gegen den judenfeindlichen Klopffechter und Prahlhans Apion gerichtet hat. Dieses Bnch, das man noch heutzutage mit hohem Interesse lesen kann, ist für eine bestimmte Art der Apologie gradezu mustergültig. Es besitzt alle Vorzüge einer guten apologetischen Schrift. Der Verfasser verfügt über genaue Kenntnisse des Judentums und des Griechentums, weiss geschickt die Vorzüge des ersteren und die Schwächen des letzteren hervorzuheben, die Angriffe auf das Judentum und das jüdische Volk mit Ernst und Witz entschieden zurückzuweisen, den judenfeindlichen Apion ins Lächerliche zu ziehen, das Judentum mit Wärme und ungekünsteltem Pathos zu verteidigen. Vieles in diesem Buche ist noch jetzt aktuell; es hört sich recht modern an. Der Hauptvorzug der Schrift gegen Apion liegt nämlich darin, dass Josephus in Wirklichkeit weitgehendes Verständnis für das innere Wesen des Judentums und des Griechentums besass; er verstand die Bedeutung der jüdischen Eeligion in ihrem volkserzieherischen Wert und betonte dies mit vielem Nachdruck. Das Judentum galt ihm eben nicht als eine philosophische Wahrheit, die doch vergänglich sein kann, sondern als eine ewige sittliche Wahrheit, die nicht etwa von nur wenigen Bevorzugten erfasst wird, sondern von einem ganzen Volk. Die beiden grössten jüdischen Apologeten des Altertums, Philo und Josephus, waren nach meiner Auffassung deshalb so erfolgreich, weil sie sich mit dem jüdischen Volke und mit dem Judentum identifizierten. Man merkt es ihren Worten an, dass sie das, was sie schrieben, lebten und empfanden. Sie führten ihre eigene Verteidigung, indem sie, jeder nach seiner Art, ihr Volk und das Judentum verteidigten. An die Sache, für die sie mit solchem Eifer und mit solcher Begeisterung eintraten, glaubten sie mit derselben tiefen Ueberzeugung, wie sie an sich selbst glaubten. Für sie war die Apologie des Judentums kein literarisches Unternehmen, sondern eine Lebensäusserung. Wenn heutzutage oft gefragt wird, warum wir jetzt trotz mancher guter Versuche keine durchdringende Apologie des Judentums erhalten, so wird man vielleicht den Grund dafür darin zu suchen haben, dass es uns an Männern fehlt, die nicht nur ihr reiches Wissen und ihr literarisches Können in den Dienst des Judentums stellen, sondern auch ihre ganze Persönlichkeit. Auch dieses möchte ich durch ein Beispiel aus unserer Literaturgeschichte erhärten. Aus dem religions*philosophischen Schrifttum des Mittelalters ragt besonders ein Buch hervor, der Dialog „Kusari" des gottbegnadeten Dichters Jehuda Halevy. An philosophischer Tiefe und Originalität steht dieses Buch weit hinter der „Lebensquelle" des Salomo ibn Gabirol, an Klarheit und kühner Folgerichtigkeit hinter dem „Führer der Irrenden" des Maimonides. Und doch ist der „Kusari" ein herrliches Buch, aus dem in tausend Tönen das Lob des Judentums und des jüdischen Volkes erschallt. Da tritt ein Mann auf, der von der innern Wahrheit des Judentums und von dem hohen Wert des jüdischen Volkes, von seiner geschichtlichen Bedeutung, tief überzeugt ist. Er sucht nicht nach Formeln, nach Analogien, nach Syllogismen, um das Judentum zs verteidigen; von seiner Güte ist er so überzeugt, wie ein Mensch von seiner Liebe zu den Eltern überzeugt ist. Aus ihm spricht nicht der kalte Verstand, sondern das warme Gefühl, das aus dem vollen Herzen hervorsprudelt. Er verteidigt das Judentum aus demselben Gefühl, wie jemand für seine Heimat, seine Familie und seine Freiheit eintritt. Wir sehen somit, dass grosse Apologeten im Judentum entstehen können, wenn es die Zeit erfordert. Aber allerdings kann die Apologie des Judentums keine bestellte Arbeit sein, die auf Verlangen geleistet wird. Ein Priester konnte alle Bestimmungen des Altardienstes erlernen und alle Bräuche einüben, um seines Amtes zu walten — der Prophet aber musste zu seinem Amte den innern Beeuf haben, dazu „vom Mutterleibe" geweiht sein. An eine Prophetenschule, obwohl es solche in Israel gegeben hat, glaube ich nicht, denn das Prophetentum erlernt man nicht. Auch eine wirksame Verteidigung des Judentums und des jüdischen Volkes ist nur von solchen zu erwarten, die dazu wirklich berufen sind. Nichtsdestoweniger wäre es ein grosser Irrtum, wenn wir in den heutigen Zeitläuften jeden Versuch unterlassen wollten, weil wir das Vollendete und Höchste nicht erreichen können. Die Verhältnisse liegen so, dass