Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Die Juden von Marokko
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 731 - 732 (sequence 2)
- Language
- German
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731 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Juden von Marokko von Ernst v. Hesse-Wartegg. 732 als die der Mauren und sich der unserigen nähert, so konnte man sie in der Tat für Europäerinnen halten. Dafür hatte die Schönheit der Jüdinnen durch die modernen englischen Kostüme entschieden verloren. Man glaubt gar nicht, wie orientalischer Sammet und Gaze, Goldstickerei und Seide und dergleichen für weibliche Reize alles ausmachen! In allen anderen Städten Marokkos, der Küste entlang von Tetuan über Rabat bis Mogador, ebenso wie im Innern des Landes, in Fez, Marrakesch, Mekinez usw. sind die Juden noch immer in schmutzige, streng ummauerte Stadtviertel, die sogenannten Mellah, d. h. Salzplätze, zusammengepfercht und müssen ihre Nächte unbedingt dort zubringen. Der Segen, den Jehova Abraham spendete: Dein Samen soll zahlreich sein wie der Sand am Meere, scheint ihnen ein Gebot zu sein, das sie nach Leibeskräften befolgen. Was gibt es doch in diesen Mellahs für Unmassen Kinder! Auf den Strassen, in den schmutzigen Patios der überall nach spanisch-maurischer Art gebauten Häuser, in den dämmerigen Kaufläden ihrer Papas tummeln sich Kinder, halbnackt oder ganz nackt umher, dutzendweise, und Familien mit einem oder anderthalb Dutzend Kinder sind gar keine Seltenheiten. Die Juden vermählen sich sehr früh. Von den früheren Beschränkungen ihrer Lebensweise haben sich viele bis auf den heutigen Tag erhalten. Je nach der Strenge des jeweiligen Kaid oder nach seiner Bestechlichkeit werden ihnen grössere Freiheiten gewährt, aber mitunter lehnt sich die mohammedanische Bevölkerung dagegen auf. In früherer Zeit durften die Juden beispielsweise nur in ihrer Mellah Schuhe tragen. Kamen sie in die Maurenstadt, so mussten sie barfuss laufen. Sultan Soliman gestattete ihnen das Tragen schwarzer Schuhe. Als sie sich damit in Fez auf die Strasse wagten, waren die Mohammedaner darüber so wütend, dass sie alle beschuhten Juden ohne weiteres niedermachten. Sie selbst baten dann den Sultan, das bezügliche Dekret wieder zurückzunehmen! Noch unter dem letzten, keineswegs strengen Sultan Mulay Hassan war es ihnen verboten, Turbane zu tragen. Sie bedecken v sich heute mit schwarzen Käppchen oder blauen Tüchern, die sie unterm Kinn zusammenbinden, aber vor dem Gouverneur oder beim Vorüberschreiten an Moscheen abnehmen müssen. Statt der gebräuchlichen gelben Schuhe dürfen sie nur barfass gehen. Begegnen sie Mauren, so müssen sie nach der linken Seite ausweichen, sie dürfen maurische Bäder nicht besuchen, in der Maurenstadt kein Pferd besteigen, vor Gericht keine Zeugenschaft ablegen, ausserhalb ihrer Mellah kein Haus und kein Grundstück erwerben. Jahrhundertelang blieben sie bedrückt, ausgeschlossen vom öffentlichen Leben, verachtet. Jede Verbindung eines Mauren mit einer Jüdin ist untersagt, zeigten sie sich bei Festlichkeiten, dann wurden sie mit faulen Orangen und Steinen beworfen, mussten aber das Geld für diese Festlichkeiten zahlen. Heute noch sind sie einer dem Sultan zu zahlenden Toleranzsteuer unterworfen. Alles das erhielt die Mehrzahl von ihnen bis auf die Gegenwart in Ungewissheit und Aberglauben. Auf den meisten Häusern wird man beispielsweise zum Schutz gegen die zahlreichen giftigen Skorpione Papierstreifen über den Türen finden, mit dem Bild zweier Skorpione und einem Abrakadabra in hebräischer Schrift, von den Rabbinern niedergeschrieben. Die Herstellung dieser Zettel kann nur in der ersten Nacht des Siwanmonats geschehen, nachdem der Eabbi dreimal nnter Wasser getaucht ist und sich die Fingernägel geschnitten hat. Ueber der Beschwörung steht in hebräischen Lettern folgendes: A Spicoros Ia Opretata Picoros ISTia Pretata Icoros Inia Retata Coros Ginia Etata Oros Iginia Tata Ros Liginia Ata Os Bliginia Ta S Abliginia A Der Bürgermeister jeder Mellah ist wohl ein Jude, untersteht aber einem maurischen Gouverneur, der wieder vom Kaid der Stadt seine Befehle empfängt. In den Mellahs der den Europäern geöffneten Hafenstädte dürften durchschnittlich je 5—7000 Juden wohnen, in Tanger, Fez und Marrakesch je 8000, und Tausende leben ausserdem bei den Araberstämmen, von denen sie sich den Mezrag, d. h. Schutz durch teures Geld erkaufen müssen. Im ganzen ist die Zahl der Juden von Marokko wohl Hunderttausend Sie wäre bedeutender, wenn die elenden Gesundhaitsverhältnisse, in welchen die Juden leben, nicht vorhanden wären. Die Abwesenheit von Kloaken und frischem Wasser, von Luft und Licht, die Ablagerung allen Unrates in den Strassen und Häusern machen die Wohnungen zu wahren Krankheitsherden, und bei Epidemien haben die Juden die grösste Zahl an Opfern aufzuweisen. An ihrem Judentum halten sie mit grosser Zähigkeit fest. Sie trinken ihren Wein aus Gefässen, die kein Andersgläubiger berührl hat, und geniessen nur koscher geschlachtetes Fleisch. Selbst auf den Schiffen, wo ich mit ihnen zusammentraf, setzten sie sich nicht zur gemeinschaftlichen Tafel, sondern Hessen sich ihre Mahlzeiten in mitgebrachten Geschirren zubereiten. Die Speisen für den Sabbath werden am Tage vorher zubereitet, und die Kochtöpfe dürfen nicht abgetrocknet werden. Ihre Synagogen sind indessen auch Christen zugänglich. Die meisten sind klein und von ärmlicher Ausstattung. Mit Kalk belegte Stufen führen in das mit Eichenholz getäfelte Innere. Zwei Säulen stützen in der Mitte eine Tribüne, und hinter dieser erhebt sich das gewöhnlich hölzerne Tabernakel mit den Gesetztafeln. Die sehr reich geschmückten Ornate der Rabbiner und die zum Gottesdienst erforderlichen Gegenstände sind in hölzernen Schränken untergebracht, die, für Marokko merkwürdig genug, unverschlossen sind. Dennoch hat es, wie man mir erzählte, seit Menschengedenken keinen Diebstahl gegeben. Nach dem Glauben der marokkanischen Juden würde ein Dieb, der sich an diesen heiligen Dingen vergreift, sofort durch den Tod bestraft werden. Die religiösen Feste werden streng beobachtet, doch das grösste Fest, bei welchem auch der reichste Aufwand entwickelt wird, dürfte das Hochzeitsfest sein. Selten habe ich schönere Gewänder gesehen, wie bei jenem, dem ich beiwohnen durfte. Die Frauen und Mädchen der Hochzeitsgesellschaft waren in die kostbarsten Brokate und Seidengaze gehüllt und mit Perlen und Edelsteinen geradezu besäet. Der Kopfputz, das kurze Jäckchen, Gürtel und Pantoffeln blitzten von Edelsteinen; je älter die Matronen waren, desto mehr Schmuck hatten sie. Das rabenschwarze Haar dieser alten Jahrgänge, das Edmondo de Amicis bei seiner Reise nach Fez so sehr in Verwunderung setzte, ist nicht natürliches Haar, sondern eine seidene Perücke. Nur die Mädchen tragen ihren Haarschmuck gewöhnlich in grosser Ueppigkeit lose über die Schultern