Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Die Juden von Marokko
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 729 - 730 (sequence 1)
- Language
- German
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729 730 DIE JUDEN VON MAROKKO. Von Ernst v. Hesse-Wartegg. Von den Juden, die im Jahre 1492 aus Spanien, vier Jahre später auch aus Portugal vertrieben worden sind, haben jene, welche sich nach dem benachbarten Marokko wandten, ihr gelobtes Land keineswegs gefunden. Yier Jahrhunderte schon schmachten sie unter der despotischen Herrschaft der Sultane, wie unter dem tötlichen Hass und der Verachtung der Marokkaner, allen möglichen Beschränkungen und Bedrückungen ausgesetzt. Die letzten Ereignisse in Casablanca haben gezeigt, dass die Marokkaner auch heute noch die Juden als erste und willkommenste Opfer ausersehen, ihre Wohnungen zerstören, sie ihrer Habe, ihrer Frauen berauben und kalten Blutes niedermetzeln. Gewiss hätten sich im Laufe der Zeit schon viele dem marokkanischen Joch entzogen, wenn sie nur könnten. Die Marokkaner lassen sie nicht fort. Sie wissen sehr wohl, dass bei ihrer eigenen Indolenz Handel und Wandel ihres grossen Landes dahingingen, wenn die Juden nicht mehr vorhanden wären, und so behandeln sie dieselben geradezu wie Gefangene. Bis in die jüngste Zeit durften Frauen Marokko überhaupt nicht verlassen, Männer nur dann, wenn sie ihre Familien gewissermassen als Geiseln zurückliessen. Seit dem Dazwischenkommen der „Alliance Israelite" und des Engländers Sir Moses Montefiore hat sich die Bewegungsfreiheit der Juden in Tanger, unter den Augen der fremden Gesandtschaften erheblich gebessert. In den anderen Häfen ebenso wie in den Städten des Inlandes müssen sie sich von den Gouverneuren einen Pass erwirken, wenn sie fort wollen, und für diesen werden mitunter so hohe Summen verlangt, dass ihre Befreiung ausgeschlossen ist. Heute noch sind sie mit Ausnahme von Tanger in ummauerte Judenviertel gesperrt, deren Tore von Schergen des Kaid bewacht werden. Bei Sonnenuntergang werden diese Tore geschlossen und erst bei Tagesanbruch wieder geöffnet. In Tanger allein dürfen sie in denselben Strassen leben wie die Mauren und sind wohl ebenso zahlreich wie diese. Die spanische Sprache hat sich bei ihnen bis auf den heutigen Tag erhalten; auch in ihren Lebensgewohnheiten und Sitten zeigt sich noch der altspanische Einfluss. So z. B. nennen sie sich selbst „Gueruch Castilla", d. h. aus Kastilien Vertriebene, und ihre Rabbiner beenden bei Heiraten die Vermählungsformel mit den Worten; „Das alles nach den Gebräuchen von Kastilien." Früher in krasser Unwissenheit und ohne jede Schulbildung aufwachsend, haben sie heute dank der „Alliance Israelite" in Tanger zwei vortreffliche Schulen für beiderlei Geschlechter mit ungefähr 100 Kindern. Hier werden sie natürlich auch im Französischen unterrichtet. Viele lernen privatim dazu noch Englisch, und da sie von Kindheit auf durch den Verkehr mit Mauren das Arabische beherrschen, bilden sie geradezu unentbehrliche Vermittler zwischen den Arabern und Europäern. Sogar die Regierung bedient sich ihrer dazu mit Vorliebe. Die Eintreibung der Steuern wird gerne an sie verpachtet, und so manche Regierungsgeschäfte fallen in ihre Hände. In den europäischen Postämtern sind sie geschickte, fleissige, ehrliche Beamte, im Geschäftsleben die rührigsten Bankiers, und die reichen Mauren bedienen sich ihrer als Strohmänner oder zur Verwertung ihrer Reichtümer, denn sie wissen sehr wohl, dass sie selbt damit nicht unter die Augen der Regierenden kommen dürfen, soll ihnen nicht alles wieder verloren gehen. In Tanger Nachdruck verboten. bilden die Juden jedenfalls den tatkräftigsten, wohlhabendsten und interessantesten Teil der Einwohnerschaft. Manche von ihnen, wie die Bankiers Abensur und Nahon, wohnen geradezu in Palästen, und auch sonst finden sich in dem Labyrinth enger, vielgewundener Gässchen und Plätzchen ganz nette Häuser, durchweg nach andalusischer Art gebaut. Viele Juden geben sich auch verschiedenen Gewerben hin. In Tanger wie in den anderen Städten sind sie Schlächter, Bäcker, Silber- und Goldschmiede, Graveure, Schneider, Schuster — niemals aber Maurer, Schmiede, Töpfer oder Sattler. Als ich mich bei meinem ersten Besuch von Tanger nach dem Stadtviertel wandte, wo sie am zahlreichsten sind, kam ich von Soco Cbico, d. h. vom kleinen Markt aus bald in die dämmerigen Gässchen, durch welche bei dem herrschenden Regenwetter wahre Kaskaden strömten. Zu beiden Seiten erhoben sich maurisehe, portugiesische oder andalusische Häuser, viele noch aus der Zeit der portugisischen und spanischen Herrschaft stammend. Dazu überall Sackgassen mit quer vorgebauten Mauern und schweren Toren, dunklen Hausfluren oder schmutzigen Säulenhöfen. So manches Haus mochte in früherer Zeit einem maurischen Grossen gehört haben. Hadschi, mein Dragoman, Hess mich in die schönsten eintreten. In den mit herrlichen Wandornamenten im arabischen Stil, reichgeschnitzten Holzplafonds und Türen geschmückten Räumen hausen jetzt jüdische Familien mit zahlreichen Kindern. Die in Stukko ausgeführten Koransprüche an den Wänden der Patios sind durch Schmutz und Unrat kaum mehr erkennbar, und die schönen Marmorplatten des Fussbodens sind mit dicken Unratschichten bedeckt. Die Atmosphäre in diesen dunklen, feuchten Räumen ist derart, dass ich nach flüchtigem Blick sofort das Weite suchte. In einem Hause gewahrte ich einige der herrlichsten Frauen gestalten, die ich auf meinen langen Reisen durch den ganzen Orient je zu Gesicht bekommen. Die Jüdinnen von Marokko sind ihrer ausnehmenden Schönheit wegen mit Recht berühmt, doch jene, die ich vor mir sah, übertrafen noch meine Erwartungen. Sie waren eben von einer Hochzeit zurückgekehrt und prangten in goldstrotzenden Gewändern, Nacken und Arme waren mit kostbaren Juwelen bedeckt, die kleinen nackten Füsschen steckten in goldgestickten Pantoffeln und an den Fingern blitzten Diamanten. Aber den schönsten Schmuck, den sie besassen, waren ihre grossen dunklen Augen, ihr schwarzes glänzendes Haar, das in reichster Fülle die Köpfchen umrahmte, und das schöne Ebenmass ihrer Gestalten. Besässen sie mehr Verstand und Witz, sie könnten die Welt zu ihren Füssen sehen. Als ich ein Jahrzehnt später bei meinem zweiten Aufenthalt in Tanger zu einem jüdischen Five o'clock geladen wurde, fand ich in den schönen, nach maurischer Art geschmückten Salons des Gastgebers, eines reichen Bankiers, anscheinend europäische Gesellschaft — Herren und Damen in moderner abendländischer Kleidung, die Möbel europäisch, der ganze Verkehr wie die Unterhaltung, als befände ich mich im Soho Square von London. Die jüdischen Fräuleins waren in England erzogen worden und sprachen Englisch vortrefflich, die Männer hatten wiederholt Reisen nach Europa unternommen, und da die Hautfarbe der marokkanischen Jüdinnen im allgemeinen viel heller ist