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Ost und West · 1907-11-01 · Heft 11 (November 1907) · p. Seite 723 - 724

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 11 (November 1907)
Article
Aus den Kinderjahren der "Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums"
Date
1907-11-01
Page
Seite 723 - 724 (sequence 3)
Language
German
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723 Dr. Adolf Rosenzweig: Aus den Kinderjahren der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums." 724 er immer zum Denken anregte. Wie er so da sass an dem Lehrtische! Still und ohne jede Prätension; die Sprache etwas schleppend, oft schläfrig und sich selbst korrigierend, die Augen dem Manuskripte zugewandt. Aber sobald er in seinem Elemente war, da er die Gedanken der Denker zergliederte, sichtete, da nahm er den Geist der Zuhörer gefangen, da zwang er mitzudenken. Das war es, was uns zu seinen Vorlesungen zog, was seine Vorlesungen uns wert machte! Hingegen hatten nicht Alle die Neigung, ihm in der Mythologie, die er in die Bibel hineintrug, zu folgen und mit Genugtuung darf hier registriert werden, dass Goldziher, der wohl das dickste Buch über die Mythologie der Bibel geschrieben hat, an dieses später nicht gerne erinnert sein wollte! Und zuletzt, aber nicht als Letzter, Dr. Lewy, jetzt Professor und Seminarrabbiner in Breslau, der in jungen Jahren das Lehramt für die talmudischen Fächer übernahm, ein Mann, in dem sich die Gelehrsamkeit der Alten mit der Wissenschaftlichkeit der modernen Zeit harmonisch einte; ein Mann mit scharfem Verstände, kritischem Blick und seltenem Fleiss; ein Mann mit dem sittlichen Ernst und der Frömmigkeit der Alten, aber auch mit dem ernsten Blick für die Erscheinungen des Lebens. Lewy war schon bei seinem Amtsantritte ein Lamdan alten Schlages, ein Lamdan, der den Talmud und die Decisoren samt der ganzen einschlägigen Literatur beherrschte, ein tüchtiger Kenner des Jerusalemischen Talmud — in den Randnoten seines Handexemplares ist ein reicher Schatz von Wissen und kritischen Bemerkungen für die Richtigstellung des arg korrumpierten Jeruschalmitextes aufgespeichert —, ein Lamdan, der die alten halachischen Midraschim, die in der Jeschiba kaum dem Xamen nach bekannt waren, in seinen Forschungskreis aufnahm; ein Lamdan, aber auch zugleich ein tüchtiger Philologe, der gut Latein und Griechisch, Syrisch und Arabisch verstand, gerne seinen Kant lass und in den Werken der neueren Exegese heimisch war. In seinen Vorlesungen zur Einleitung in die Mischna zitierte er in einer Stunde unzählige Stellen aus der talmudischen Literatur und daneben alle ^einschlägigen Arbeiten aus dem Ben Chananja, dem Orient, der Geiger'schen Zeitschrift, und der Graetzschen Monatsschrift, legte er die kritische Sonde an das, was Frankel und Graetz, Zunz und Geiger über die behandelten Fragen geschrieben, und alles zitierte er auswendig, ohne irgendwelche Notiz! Er war aber auch fleissig, wie nur wenige sind: Donnerstag Abend um 8 Ubr versammelten wir uns in der Hochschule, um homiletische Uebungen abzuhalten. An diese schloss sich ein gemütliches Zusammensein. Auf dem Heimwege passierten wir fast allesamt das Haus an der Spandauerbrücke, wo die Hochschule sich befand und Dr. Lewy wohnte: ob früher ob später wir nach Hause gingen, Dr. Lewy sass immer an seinen Folianten, um sich für die nächste Talmudvorlesung, die pünktlich um 8V4 Uhr begann und die er am liebsten über die festgesetzte Zeit hinaus aasdehnte, zu präparieren. Und wie er ernst und streng gegen sich war, so verlangte er auch Ernst und Gewissenhaftigkeit von den Hörern. Und das rief den Unwillen Einzelner hervor! Die anderen Dozenten brauchten nur zu „lesen", er aber wollte lehren; die anderen Dozenten brauchten sich nicht, wenn sie es nicht wollten, um die Hörer zu kümmern, er aber wollte, dass gearbeitet werde! Die aus der ungarischen Jeschiba und dem russischen Beth-hamidrasch kamen, brachten zumeist einen Hochmut mit, der an der Bedeutung der deutschen Talmudgelehrsamkeit zweifelte, den Deutschen aber war der Talmud ein JSTovum und nicht einmal ein angenehmes Novuml Und dazu noch ein Anderes: Lewy ist fromm und verlangt, dass der Theologe auch etwas vom Glauben in sich trage; der Kabbiner soll nicht blos predigen, sondern auch im Glauben leben! Auch das gefiel nicht Allen! Und doch, Lewy war nicht blos ein bedeutender Gelehrter, ein frommer Lehrer, er war und ist auch ein biederer Mensch, mitteilsam und anregend, freundlich und wohlwollend — ich kann und werde es nicht vergessen: Ich brauchte Geld. Nur schwer entschloss ich mich dazu, zumal ich in seinem Hause verkehrte, ihn um ein Darlehn zu bitten. Ich tats, weil mir nichts anderes übrig blieb. Lewy aber stand da mit tränenden Augen: „ich kann es Ihnen nicht geben, denn ich habe kein Geld zu Hause!" Ich sprach darauf, was ich sprechen konnte, und kehrte heim. Aber kaum war ich zu Hause, da trat Dr. Lewy bei mir ein und brachte mir das Geld. Er hatte es selbst entliehen, um es mir geben zu können! Und so fand ich ihn stets auch in seinem Hause! Es war ein schlichtes Haus ohne Glanz, ein stilles Haus, in dem Glaube und Liebe alles verklärte, ein Haus von patriarchalischer Einfachheit mit leuchtendem Sabbatlichte, mit fröhlichem Sabbatliede. Dort war ich nicht fremd und nicht arm; dort im Kreise und am Tische der Guten vergass ich alles, was mich drückte, die Fremde und den Drang des Lebens. Lewy wurde von den Meisten als orthodox verschrieen. Mit Unrecht! Er war nie einseitig orthodox. Es war zur Zeit, da ich meine erste Stelle in Pasewalk antreten sollte. Ich besprach mit ihm das eine, das andere. Da sprach er zu mir: Wie stehen Sie zur Orgel? Auf meine Antwort: Diese Frage ist für mich nicht vorhanden! sprach er ruhig: Ich verstehe Sie! Das alles machte mir ihn lieb und teuer; das alles erfüllt mich auch heute noch mit Ehrerbietung and Dankbarkeit für ihn! Ich bin zu Ende mit meinem Rückblick auf ver gangene Zeiten. Aber ehe ich schliesse, möchte ich noch die Frage streifen: war die Zusammensetzung dieses ersten Lehrerkollegiums eine glückliche? Mancher wird alsbald: Nein! antworten; mir aber will es scheinen: wohl, es war eine glückliche Zusammensetzung! Die verschiedenartigen Individualitäten und Anschauungen, die einander in der Hochschule begegneten, mussten notwendigerweise eine Gährung in den Geistern, einen Kampf in den Inneren der Hörer erzeugen; es galt, sich zu einer eigenen Meinung durchringen, einen festen Standpunkt inmitten der widerstreitenden Anschauungen sich erkämpfen. Und das war gut! So wurden die Denkenden unter den Hörern nicht einseitige Kachbeter und Nachtreter, sondern selbständige Menschen mit selbständigen religiösen Anschauungen. Und so möge es bleiben! Mögen solche Lehrer und Hörer der Anstalt stets beschieden sein; mögen wissenschaftlicher Ernst und demütiger Geist des Glaubens Lehrer und Hörer stets erfüllen!

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