Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-11-01 · Heft 11 (November 1907) · p. Seite 721 - 722

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 11 (November 1907)
Article
Aus den Kinderjahren der "Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums"
Date
1907-11-01
Page
Seite 721 - 722 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583965-2589324--07749-2589422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

721 Dr. Adolf Rosenzweig: Aus den Kinderjahren der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums.' 722 religiösen Dingen, und die Amerikaner, die allesamt wohlhabendenFamilien entstammten, ein vornehmes Wesen, aber auch grosse Armut an jüdischem Wissen. — Ich erinnere mich zweier, die sich bedeutender Stellungen innerhalb der amerikanisohen Judenheit erfreuen — der eine suchte eine Stelle aus dem ersten Kapitel der Genesis am Ende des Deuteronomium, und der andere, für die jüdische Theologie besser Vorbereitete, in dem letzten Kapitel der Genesis. Zu den Hörern gehörten als „Ausserordentliche" nicht wenige, die nie eine Volkschule, geschweige denn ein Gymnasium besucht hatten. So gut es möglich war, wurde für diese ein Präparandenunterricht eingerichtet; Loew übernahm den Unterrieht in der griechischen Grammatik und der Mathematik, ich lateinische Grammatik, Geschichte und Deutsch. Es ging, wie es unter den obwaltenden Umständen gehen konnte: der Bachurimgeist mochte sich nicht leicht fügen; aber die Aussicht auf Stipendien tat Wunder! Nach etwa zwei Semestern kam ein Besserer, der den Unterricht übernahm, Dr. Holzman, der jetztige Direktor der Berliner Gemeinde-Knabenschule und des Lehrerseminars. Zweier Hörer sei an dieser Stelle gedacht — früh hat der Tod sie aus unseren Reihen gerissen: Bosenfeld (erinnere ich mich recht: der Sohn eines Gemeindevorstehers) aus New-York, wurde nach Amerika überführt — bei der in der Hochschule abgehaltenen Trauerfeier sprach Felix Adler; Leopold Schauer, der Sohn eines ungarischen Babbiners, ruht hier auf dem Friedhofe in der Schönhauser Allee — ein Armenstein nennt seinen Namen. Allein so halbfertig dies alles auch war, alsbald kündete sich doch in der Anstalt ein reger Geist, den die tüchtigen und bedeutenden Lehrer, auf die die Lehranstalt stets mit Stolz blicken wird, weckten. Vor allem Abraham Geiger, der als Sechzigjährigrer Babbiner in unserer Gemeinde wurde — ein Greis und doch ein Jüngling an Kraft und Begeisterung! Der Lehrstuhl, das war seine rechte Stelle: das fühlte er, das wusste er, darum strebte er ihm sein Leben lang zu; auf dem Lehrstuhl, da fühlte er sich am wöhlsten; da quoll und schwoll sein Wort so voll, so frisch, so lebendig, da hub sich auch das stets glatt gescheitelte, lange Kopfhaar, da glänzte das glatte, nicht sonderlich schöne Antlitz, da leuchteten die Augen in jugendlicher Frische, da lebte der ganze Geiger. Wohl, Geiger war ein bedeutender Kanzelredner, der alles besass, dessen der Prediger bedarf, um seine Zuhörer fesseln zu können: lebhaftes Temperament, poetische Gestaltungsfähigkeit, tiefes Wissen und vor allem ein vibirierendesHerz. Und Geiger wirkte auch durch seine Predigt gewaltig! Noch nach Jahren erzählte mir der sei. Wertheim, der langjährige Sekretär unserer Gemeinde, von der Begeisterung, die Geiger geweckt durch die Predigt, die er an jenem verhängnisvollen Morgen (es war an einem Sonnabend), da der Krieg gegen Frankreich erklärt wurde, über Jer. 4,19 in der Neuen Synagoge gehalten hatte. Allein Geiger hatte für die Predigt wenig Zeit: in der Begel wählte er Donnerstag Abend, oder auch Freitag einen Trxt, über den er am Sonnabend predigen wollte; zu dem Texte notierte er auf einem Zettel einen Gedanken, einen Midrasch und dann predigte er, und er predigte immer begeistert und begeisternd; denn seine Predigt entstammte reichem, kräftigen Können; da war nichts eingelernt, nichts memoriert, nichts berechnet; der gottbegnadete Bedner stand vor der Gemeinde: er band sich an keine homiletische Begel, die ihm als Fessel, höchstens als Krücke erschien, da sein Herz, das Geheimnis aller Persönlichkeit, vor allem des Bedners, homiletische Begeln ihm kündete; da stand der Meister auf der Kanzel, der mit souveräner Kraft die Fragen des Lebens und der Beligion behandelte. Daher kams aber auch, dass man von Geiger nicht predigen lernen konnte; er war wie Jellinek, der trotz seiner Bedeutung als Kanzelredner keine Schule begründete, eine originale Individualität; darum konnte er sich auch nicht entschliessen, homiletische Uebungen abzuhalten — für ihn war Predigen eine Kunst, Künstler aber müssen als solche geboren werden, noch nie sind Menschen durch Begeln Künstler geworden. In den Vorlesungen zu Pirke Abot gab er homiletische Winke, kurze Sentenzen, einzelne Gedanken, welche die Hörer zu weiterer Arbeit anregen sollten. Geigers Zeit und Arbeit gehörte der Wissenschaft des Judentums: ob er den inneren Kämpfen in Alt- Israel nachspürte; ob er uns in das griechische Geistesleben in Alexandria einführte; ob er uns den in Jamnia das Baupengespinnst durchbrechenden Schmetterling — Israel — zeigte, der, in Sonnenlicht gebadet, allen Stürmen trotzend, aufwärts sich hob; ob er uns in die Lehrhäuser von Sura und Pumpedita geführt oder das Leben der Denker und Dichter in der spanischen Blüteperiode vorführte: in allem kündete sich der weite und scharfe Blick des Gelehrten, der kühne Denker, der Geschichte zu konstruieren versteht, der tüchtige Orientalist, der alle verwandten Gebiete umfasst. Und neben Geiger, dem Alter nach am nächsten. David Cassel, ein schlichter, wortkarger Mensch, der früh müde geworden, weil er früh und wohl auch spät zu kämpfen hatte, um sein Leben zu fristen; ein abgeklärter Mensch, der mit offenen Augen die Kämpfe der Zeit gesehen und offen, manchmal wohl auch ungesehen, an ihnen teilgenommen hatte. Cassel besass keine originelle schöpferische Kraft; er stellte nie eine Hypothese auf und machte selten oder nie eine Emendation; aber alle seine Arbeiten charakterisiert wissenschaftlicher Ernst, gediegene Ehrlichkeit; was er schrieb und lehrte, das bedurfte keiner Nachprüfung, das durfte als feststehend hingenommen werden. Er war vielfach beschäftigt: neben dem Lehramte in der Hochschule war er deren Bibliothekar, versah er das Amt des Waisenvaters im Nauen'sehen Stift und das Amt des Schriftführers in verschiedenen Vereinen. Daher konnte er in seinen Vorlesungen nicht viel Neues bringen, auch nicht immer pünktlich sein — der geistreiche Horwitz, vordem Bektor der Knabenschule und der Lehrerbildungsanstalt, an der Cassel früher Unterricht erteilte, nannte ihn einst in seiner witzigen Art „den grössten Fehler" der Anstalt. Und doch wäre es ungerecht und entspräche nicht den Verhältnissen, wollte man nicht des wohltuenden Einflusses, den seine Tätigkeit an der Anstalt gehabt, gedenken! Cassel war nach mancher Richtung hin ein Skeptiker, seinem eigentlichen Wesen nach aber konservativ, nicht blos weil er täglich die Synagoge besuchte, sondern weil er einen pädagogisch-praktischen Blick für das, was dem Rabbiner not tut, besass: in späterer Zeit pflegte er zu manchem jüngeren, in Deutschland geborenen Hörer in seiner Eigenart zu sagen: lernen Sie Chumesch und Raschi und den Suach lesen; der Schammes wird Sie, wenn Sie Rabbiner sind, fragen, ob man Zidkos'chu zedek sagt und Sie werden es nicht wissen! Und neben Cassel Dr. Steinthal, der Philosoph mit dem Kindesgemüt! Steinthal war kein Theologe; er hatte sich, ehe er Dozent an der Hochschule wurde, nur wenig mit jüdischem Wissen beschäftigt, und nur geringe Reminiszenzen aus seiner Jugendzeit in Gröbzig waren ihm geblieben. Steinthal war aber ein Philosoph und ein Mensch, den man gerne hörte, weil

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.