Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Der Neubau der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 719 - 720 (sequence 3)
- Language
- German
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719 Der Neubau der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. 720 dritten Stock beginnt und bis in den Dachboden hinein ihre Räume erstreckt Bibliothekseinrichtung. Die Einrichtung der Bibliothek ist nach dem neusten System der Firma H. Lipmann in Strassburg zur Ausführung gekommen. Diese Firma, welche mit der hier am Orte befindlichen Eisenkonstruktions- und Blechfabrik, Wolff, Netter & Jacobi verschmolzen ist, hat in bereitwilligem Entgegenkommen die Einrichtung der Bibliothek zu einem Ausnahmepreise hergestellt. Aufzug. Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich noch die Wohnung des Hauswarts. Ein elektrisch betriebener Personenaufzug vermittelt den Verkehr nach den oberen Stockwerken. Heizung. Im Keller befinden sich die Vorrichtungen für die Heizung und Ventilation des Hauses. Die Heizung ist eine Warmwasserheizung und ist verbunden mit einer Lüftungs- und Ventilationsanlage, welche den Eäumen fortwährend frische, vorgewärmte Luft zuführt. Hof. Es mag noch erwähnt sein, dass der Hofrauni von solchen Abmessungen ist, dass er nicht nur die an ihm liegenden Zimmer genügend beleuchtet, sondern dass er auch zum Aufenthalt der Studierenden Gelegenheit bietet. Der Hof soll später gärtnerischen Schmuck erhalten, um diesem Zwecke noch besser dienen zu können. Ausstattung. Nachdem darauf gesehen ist, die Räume hell und luftig zu gestalten, konnte die Ausstattung selbst schlicht und einfach gehalten werden. Die innere Einrichtung, sowie die elektrische Beleuchtung sind überaus zweckmässig unter Berücksichtigung der neuesten schultechnischen Anschauungen ausgeführt. Hier sei nur hervorgehoben, dass die Aula Sitzplätze erhalten hat nach amerikanischem System. Die grossen bequemen Lehnsessel bieten, durch eine sinnreiche Anordnung der rechten Armlehne, Gelegenheit zur schriftlichen Fixierung der Vorträge. Dadurch konnten die Pulte in Portfall kommen, welche den Gesamteindruck des Eaumes beeinträchtigt hätten. Fassade. Bezüglich der Fassadengestaltung mag gesagt sein, dass darauf hingestrebt wurde, die Bestimmung des Gebäudes auch in seiner äusseren Erscheinung zur Geltung zu bringen. Die grossen Fenster sollen den Schulzimmern reichliches Licht zuführen. Nur der Haupteingang ist durch die Ausführung in Stein besonders betont worden. Sonst ist die Fassade schlicht geputzt und hat nur wenige Zierformen erhalten, welche in sogenannter Antragarbeit ausgeführt sind. Ueber den Haupteingang befindet sich die Inschrift, die die Bestimmung des Hauses anzeigt: Der Wissenschaft des Judentums nösnVi min*? AUS DEN KINDERJAHREN DER „LEHRANSTALT FUER DIE WISSENSCHAFT DES JUDENTUMS". Von Dr. Adolf Rosen zweig, Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Nachdruck verboten. Es war in grosser, reicher Zeit — man zählte das Jahr 1872 — da wurde das Kind geboren. Männer von Namen standen an seiner Wiege und gaben ihm den stolzen Namen „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" — ein Wahrzeichen sollte der Name sein für das, was Zunz, Geiger und Philippson ersehnt und erhofft, aber nicht erreicht hatten. Spätere Verhältnisse brachten es dahin, dass aus der „Hochschule" die „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" ward. Ein Kind wars. Kinder sind bescheiden. Und in bescheidenen Yerhältnissen und Eäumen lebte das junge Kind, dort an der Spandauer Brücke No. 1, an der Ecke, an der sich jene stiessen, die nach rechts, und jene, die nach links wollten, und im engen Raum stiessen sich auch Lehrer und Hörer. Gegenüber dem Lehrzimmer — von einem Lehrsaale konnte keine Rede sein — befand sich die Bibliothek in den bescheidensten Anfängen. Ein Semester war bereits dahingegangen, aber noch lagen gebunden und ungebunden Hefte und Bücher in dichten Haufen auf der Erde. Loew, der vom Hause aus ein gewisses organisatorisches Talent mitgebracht hatte, legte den Zettelkatalog an, und mit ihm gemeinsam schrieb ich die Büchertitel und ordnete die zerstreuten Massen. Rabbiner Dr. Rosenzweig, Berlin. Hörer 1S72-1875 Vom Kuratorium sahen und hörten wir nicht viel — Philippson lebte in Bonn und Lazarus hatte viel mit sich und der Welt zu tun; aber hurtig mit Donnergepolter stürmte von Zeit zu Zeit Sanitätsrat Neumann herbei; und ob er auch polterte, er brachte stets sein warmes Interesse für die Anstalt mit. In dem einen Hörsaale fanden alle 'Vorlesungen statt. Stündlich — nur die Talmudvoiiesungen dauerten in der Regel 2 Stunden — wechselte das Hörer - material, eine bunte Gesellschaft, in der Bachurim aus der ungarischen Jeschiba,Oestreicher, Rumänen, Russen und Amerikaner sich befanden. Nur Deutsche fehlten. Und doch, fast hätte ich des einen, der in Deutschland geboren war, vergessen — es war der Sohn des damaligen Postdirektors Sachse — ein deutscher Christ, der die MischnaVorlesungen und Einleitung in die Mischna mit besonderem Fleiss und Interesse hörte. Eine bunte Jüngerschar wars, die an den Turmbau zu Babel gemahnte — Einer verstand nicht die Sprache des Anderen. Die aus der ungarischen Jeschiba kamen, brachten zunächst ihre Pschettelchen und ihreAccomodationsfähigkeit mit, die Russen eine tüchtige Belescnheit in talmudicis und grosse Energie, aber auch einen ungezügelten, revolutionären Geist in