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Ost und West · 1907-11-01 · Heft 11 (November 1907) · p. Seite 713 - 714

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 11 (November 1907)
Article
Aus dem Leben der Lehranstalt
Date
1907-11-01
Page
Seite 713 - 714 (sequence 2)
Language
German
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713 Dr. Max Eschelbacher: Aus dem Leben der Lehranstalt. 714 Gruppe der derzeitigen Hörer der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums." Spezial-Aufnahme für „Ost und West". eine gründliche Kenntnis des ganzen Gebiets der jüdischen Wissenschaft zu gewinnen. Aber das ist doch nur die Kehrseite einer Lichtseite, und auf anderem Weg ist ein Eindringen in die Wissenschaft schwer möglich. Nicht Werke über Bibel und Talmud werden hier besprochen, sondern Bibel und Talmud selber. Damit aber verwandelt sich mit Notwendigkeit die in anderen Disziplinen übliche systematische Vorlesung in eine Diskussion zwischen Lehrer und Schüler., die sich infolgedessen ganz anders nahe treten, als der Student und der Professor auf der Universität. Diese lernen sich vielleicht im Examen zum erstenmal kennen, auf der Lehranstalt aber ist jeder Tag em klene* Examen, wo der Hörer dem Dozenten Rede zu stehen hat. Das dienstälteste Mitglied des Lehierkollegiums ist Professor Dr. Maybaum. Er lehrt Midrasch und praktische Theologie, d. h. Pädagogik und Homiletik. Die Krone seines Unterrichts aber sind die homiletischen Übungen. Ein Hörer predigt, die andern hören zu, kritisieren, der Redner repliziert, und schließlich sibt Maybaum ein zusammenfassendes Urteil über Rede und Kritik, in der er häufig die feinsten Beobachtungen aus vieljähriger Praxis mitteilt. Es ist ein kritikfrohes Publikum, das hier dem Redner lauscht, häufig und mit Erfolg bemüht, den Dulder oben auf dem Katheder außer Fassung zu bringen. Es sind nicht nur belehrende, sondern auch heitere Stunden, und die schönsten Blüten eines unfreiwilligen Humors wachsen hier. Schade, daß man nicht alles erzählen kann! Vor einigen Jahren erklärte ein Hörer, er werde bei der nun folgenden Rede die Voraussetzung machen, daß weit und breit im ganzen Land kein Rabbiner zu finden sei, und dann ging er hin und hielt eine Traurede, in der er unverzagt sich selber traute. Wer das Vergnügen hatte, an diesen schönen Stunden Freitags von 8 bis 10 Uhr teilzunehmen, wird stets mit größter Freude an sie zurückdenken. Ein ernsteres Antlitz trägt schon die Talmudverlesung. Im Talmud unterrichten ist keine leichte Aufgabe. Der Stoff ist schwierig und die Hörer sind oft wenig vorgebildet. An der Lehranstalt wird das Fach durch einen großen Gelehrten vertreten, durch Dr. Eduard Baneth. einen Enkel des berühmten Tal mudisten Mordechai Baneth. Er gehört der strengorthodoxen Richtung an und versteht es, mit viel Gelehrsamkeit und Geist, bisweilen auch mit blendendem Witz, seine Anschauungen zu vertreten. „Was Wellhausen sagt, ist auch nicht alles Thorath Mosche", hat er einmal auf die Darlegungen eines Bibelkritikers erwidert. Im Unterricht ist er ein Vertreter des Peschat. der einfachen, unverkünstelten Auffassung. Mit hoher Kunst versteht er es, die schwierigsten talmudischen Materien in ihre Elemente aufzulösen, jede Frage von den ersten Quellen bis zum Schulchan Aruch zu verfolgen und schließlich, nach gründlicher Untersuchung jedes einzelnen Punktes, das Ganze vor den Augen seiner Schüler wieder aufzubauen. Dabei beschränkt er sich nicht auf den Talmud allein. Er ist ein Kenner der Mathematik, besonders der Astronomie, und hat, das ist seine jüngste literarische Leistung, die Abhandlung des Maimonides über die Neumondsberechnung in die Sprache der Mathematik unserer Zeit übersetzt. So kann er, frei nach Max Samuel, sagen: „Die Bahnen der Gestirne sind mir so bekannt, wie die Straßen von Berlin/' Literatur und Geschichte lehrt Dr. Ismar Elbogen. Er bemüht sich ganz besonders, zu zeigen, wie Probleme der jüdischen Geschichte nach der exakten Methode historischer Forschung zu behandeln sind. So hat er. um eine seiner bedeutendsten Leistungen zu nennen, vor einigen Semestern in den historischen Übungen, die er leitet, die Geschichte von den vier Gelehrten, eine der bekanntesten Legenden der jüdischen Geschichte, kritisch betrachtet. Vier Gelehrte, so erzählt ein mittelalterlicher Historiker, zogen aus Sura fort, um Spenden für die Lehrhäuser zu sammeln. Unterwegs wurden sie von Piraten gefangen genommen, aber von Glaubensgenossen losgekauft, worauf sie in verschiede-

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