Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Erinnerungen an Chajim Steinthal
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 705 - 706 (sequence 2)
- Language
- German
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705 Dr. Simon Bernfeld: Erinnerungen an Chajim Steinthal. 706 vergleichliche Schönheit der biblischen Epik zu schildern: wie das unglückliche Weib Noomi zuerst ihren Mann verliert und dann ihre beiden verheirateten Söhne, und in der Fremde mit ihren Schwiegertöchtern arm und verlassen zurückbleibt. Steinthal las uns vor, wie der Erzähler diese Ereignisse einfach und doch so ergreifend schildert. Als er zu dem Satz kam: „sie erhüben ihre Stimme und weinten*weinte er selbst mit und musste die Vorlesung abbrechen. Er war von der Tragik der Dichtung Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums als aufs tiefste ergriffen. Aehnliches geschah auch Hörer angehörte, in manchen Kreisen halb vereinmal, als er über die Geschichte der versuchten wundernd und halb missbilligend die Klage Opferung Isaaks las, über welches Kapitel der gehört, dass ein solcher Freidenker wie Steinthal iKk^i r,,.,,. I7--VL i" ......... — t_^,,*. konnte, dessen Justizrat Lilienthal, Berlin. Syndikus der Jüdischen Gemeinde. Hörer 1S76-1S78. Rechtsanwalt Plotke, Frankfurt a. M. (gest. 1903.) Hörer 1876—1878. Bibel eine fast unübersehbare Kritik-Literatur vorhanden ist. Steinthal befasste sich ganz und gar nicht mit der religionsgeschichtlichen Seite dieser Erzählung, sondern mit der Schönheit der Darstellung. Die ästhetische Betrachtung überwog bei ihm immer die Kritik. Allerdings ging er dabei oft von der altklassischen Auffassung aus. So konnte er beispielsweise der ebenso natürlichen, wie heissen Sehnsucht nach Liebe, wie sie im Hohelied zum Ausdruck gelangt, recht wenig Geschmack abgewinnen. Bei einer mündlichen Unterhaltung äusserte er mir gegenüber seine Abneigung gegen die schwülstige Sprache, wie er sich ausdrückte, dieser Dichtung. Er r ~r liebte weder die kühnen Bilder, deren sich der Dichter bedient, noch den heissen Atem der Liebenden, die ihre Sehnsucht so offen und natürlich aussprechen. Das war nicht nach seinem Geschmack. In gewissen Kreisen galt Steinthal bezüglich seiner religiösen Anschauung als radikal; viele behaupteten sogar, er sei Atheist. Nun, was seinen Atheismus betrifft, dürfte man wohl auf ihn das Wort anwenden, das einst Hegel über Spinoza aussprach : „Nicht Atheismuss lehrte er, sondern Akosmismus", die Verneinung des Materiellen und des Vergänglichen und die Hervorhebung des Göttlichen in allem menschlichen Denken und Tun. Ich habe oft, während ich der Dr. Bernfeld, Berlin. H&rer 18S3—1S86. an einem Institut mitwirken Hauptzweck auch schon damals die Ausbildung von Rabbinern war. Mag man aber dazu sagen, was man will, ich habe niemals einen frommeren Juden gesehen, als Steinthal einer war. Allerdings darf man dies nicht im landläufigen Sinne nehmen. Steinthal war eine religiöse Natur und hing ebenso mit allen Fasern seines Lebens am Judentum. Aber seine Frömmigkeit und sein Judentum schöpften nicht beide aus ein und derselben Quelle. Es dürfte den meisten seiner Schüler bekannt sein, dass Steinthal keinem jüdischen Religionsphilosophen eine solche innige Verehrung zollte, wie dem bereits erwähntenBachja ibn Bakuda. Also auch in der Religionsphilosophie liebte Steinthal nicht etwa die Kritik und die Analyse, sondern das Positive. Dass er gerade Bachja so gern las und ihn für den Religionsphilosophen hielt, zeigt deutlich, dass bei ihm das Religiöse die Hauptsache war, das Gottvertrauen und das Leben in Gott, wie es Bachja lehrt. Indessen ist dies nicht gerade das Jüdisch-Religiöse, wie ja bekanntlich das Buch der „Herzenspflichten" des Bachja nur eine Nachahmung beinahe eine Uebersetzung eines ähnlichen arabischen Volksbuches ist. Denkt man sich statt der Bibelverse in diesem Buche solche aus dem Koran, so eignet es sich auch für fromme, gottvertrauende Islamiten. Steinthal war somit S:M -^;-n4 ' W