Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Erinnerungen an Chajim Steinthal
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 703 - 704 (sequence 1)
- Language
- German
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703 704 ERINNERUNGEN AN CHAJIM STEINTHAL. Von Dr. Simon Bernfeld. Kachdruck verboten. Steinthal gehörte zu den wenigen Gelehrten und Schriftstellern, die bei persönlicher Bekanntschaft nicht enttäuschen, sondern im Gegenteil die Bedeutung und Wirkung ihrer Schriften noch erhöhen. Wer ihn einmal sprach, gewann gleich die Ueberzeugung, dass er das, was er schrieb, auch lebte. In ihm war nichts von Phrase, vcn gedankenloser Gewohnheit; er war von antiker, oder sagen wir ebenso richtig, von altjüdischer Wahrhaftigkeit und von streng ernster Auffassung des Lebens. Ebenso wie er ungekünstelt und doch fesselnd schrieb, war er auch in der mündlichen Unterhaltung von bezaubernder Natürlichkeit und Einfachheit. Die PersönlichkeitSteinthals bot eine eigentümliche Erscheinung; sie war eine wundervolle Spielart des jüdischen Wesens, wie es sich im modernen Leben auf dem Boden der europäischen Bildung, aber in der Natur des jüdischen Volkes wurzelnd ausgebildet hat. Steinthal vereinigte in sich die tiefe Religiosität eines Bachja ibn Baku d a? die echte schriftstellerische Bescheidenheit und Klarheit eines Raschi, die philosophische Weltanschauung des klassischen Hellenismus und die ganze Modernität eines vornehm gebildeten deutschen Juden. Diese Synthese bildete die Eigenartigkeit seiner bezaubernden Persönlichkeit. Zum erstenmale habe ich Steinthal im Mai 1883 in einer öffentlichen Versammlung sprechen hören. Es war dies anlässlich der Enthüllung der beiden Humboldt-Denkmäler vor der Universität in Berlin. Am Abend nach der Enthüllungsfeier hielt Steinthal im Rathaussaal die Gedenkrede auf die Brüder Humboldt, insbesondere auf Wilhelm v. Humboldt, als dessen geistigen Schüler man Steinthal zu bezeichnen pflegte. Die geistige Elite von Berlin war zu diesem Vortrage erschienen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welchem günstigen Zufall ich damals die Zulassung zu der Feier im Rathause zu verdanken hatte. Wenn jemand Chajim Dozent äusserlich zu einem öffentlichen Vortrage, dazu noch bei einer solchen Gelegenheit, völlig ungeeignet war, so schien es Steinthal zu sein. Seine Sprache war von der denkbarsten Einfachheit, das Organ schwach und unschön. Er konnte auch nicht eine Minute, ohne das Manuscript vor Augen zu halten, sprechen. Bei den ersten Worten, mit denen er seinen Vortrag begann, empfand man ein Gefühl der Beklemmung und der Beängstigung. Aber bereits die ersten Sätze fesselten die illustre Zuhörerschaft. Jeder weitere Satz rief geradezu eine Bewegung hervor, und alle im Saale folgten den Worten desRedners mit einer Aufmerksamkeit, wie eine andächtige Gemeinde der Predigt eines gottbegeisterten Redners lauscht. Nie habe ich eine solche Wirkung eines Vortrages bei völligem Mangel aller äusseren Hilfsmittel gesehen, wie an jenem Tage. Die Festrede Steinthals war eine Sensation und wurde in der Presse eingehend und rühmend besprochen. Im Auditorium der Lehranstalt der Wissenschaft des Judentums bot Steinthal eine nicht minder m er k wür d ige Erscheinung. Sein Fach war Bibelkritik und Religionsphilosophie. Das Eigentümliche dabei war, dass Steinthal sehr wenig vom Kritiker an sich hatte. Ihm fehlte die philologische Objektivität, die bei der Bibelkritik unerlässlich ist. Die Bibel war ihm nicht nur die Quelle der Religion und der Religiosität, sondern auch der Inbegriff aller poetischen Schönheit. Wer in diesem Buch die höchste Ethik und Aesthetik vereinigt findet, ist zum Bibelkritiker nicht geschaffen. Ich erinnere mich, wie er eines Tages über das Buch Ruth las. Es fiel ihm gar nicht ein, diese liebliche Idylle, die, was ihre poetische Schönheit betrifft, sicherlich einzig in der Weltliteratur dasteht, kritisch zu sondieren und auf ihre geschichtliche Grundlage zu prüfen, wie es etwa Abraham Geiger in seiner „Urschrift" getan hat. Steinthal versuchte vielmehr, uns die un- Steinthal. 1872-1899.