Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Briefe aus Arabien
- Date
- 1907-10-01
- Page
- Seite 671 - 672 (sequence 1)
- Language
- German
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671 672 BRIEFE AUS ARABIEN. (Spezialberichte für die A. I. U. von S o m e k h.) Nachdruck verboten. Herr Somekh, der Direktor der Allianeeschulen in Kairo, hat kürzlich die Gemeinde Aden besucht und hat dem Centralcomite folgenden Bericht über diese Gemeinde übermittelt: Die Stadt ist schon seit dem hohen Altertum durch ihre kaufmännische Tüchtigkeit berühmt gewesen. Bis zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts war sie die Zwischenstation für die Produkte Asiens und Afrika. Schon die Römer kauften dort die chinesischen Seidenwaren. Der von der Stadt beibehaltene jüdische Name „Eden" hat eine Analogie mit dem diesem Teil des Landes gegebenen Beinamen des „glücklichen" Arabien. Es ist zwar durchaus kein Paradies im wörtlichen Sinne des hebräischen Worts, aber die Provinz Yemen kontrastiert durch reiche Wassermengen und frisches Grün sehr angenehm gegen die traurige Wüste, die sie umgibt. In seiner Prophezeiung gegen Tyrus spricht bereits der Prophet Hesekiel von ihr als von einer sehr handelstüchtigen Stadt. Prächtige Brunnen und Wasserleitungen, ungefähr fünfzig an Zahl, deren Bau und geschickte Anordnung man heute noch bewundert und deren Ursprung mehrere Jahrhunderte vor die übliche Zeitrechnung zurückreicht, beweisen ihre ehemalige Bedeutung und ihren Glanz. Nachdem Aden nacheinander im Besitz der Araber, der Abessynier, der Perser, der Egypter und der Türken gewesen war, fiel es 1839 in die Hände der Engländer, die daraus eine Festung ersten Ranges gemacht haben, ähnlich der von Gibraltar. Der von Vasco de Gama entdeckte Seeweg hat die Bedeutung der Stadt geschmälert und ihren Handel zerstört. Aber die Besitznahme von Seiten der Engländer und die Schaffung des Suez-Kanals scheint es wieder seinem alten Glanz entgegenzuführen. Tatsächlich kommen jetzt jährlich über 1400 Dampfschiffe nach Aden und sein jährlicher geschäftlicher Umsatz in Export und Import beziffert sich auf 10—12 Millionen Pfund Sterling. Bei der Volkszählung von 1901 hatte Aden ungefähr 40 000 Einwohner, meist Araber aus dem Innern der Provinz Yemen und Somalis von der gegenüberliegenden afrikanischen Küste, alles Mohamedaner. Aber die Parsis, die Anhänger Zoroasters, sind ziemlich zahlreich. Ihr Andachtsort ist der „Feuertempel", wo sie das heilige Feuer ihrer Vorfahren unterhalten; und der „Turm des Schweigens", wo sie ihre Toten den Baubvögeln preisgeben, ist, wenn man so sagen darf, ihr Kirchhof. Man findet in Aden auch Indier, von der Kaste der „Banianen", die den Gott Brahma anbeten und denen die Kuh heilig ist. Die Europäer werden meist vom britischen Militär repräsentiert; aber es gibt auch viele Engländer, Franzosen, Deutsche, Italiener und Griechen, die sich dem. Handel widmen. Sie wohnen fast alle in dem am Hafen belegenen Stadtteil Steamer- Point, arabisch: Tawahi, wo die Konsulate, die Schiffsagenturen, die Banken und Hotels, Post- und Telegraphenamt sich befinden. Die richtige Stadt Aden liegt 8—10 Kilometer weiter nach dem Innern und hat nach ihrer Lage im Krater eines erloscheneu Vulkans den Beinamen Kraterstadt. Hier wohnen unsere Glaubensgenossen — 3050 an der Zahl —, sie stammen alle aus Yemen und haben die dortigen Gebräuche und Kleidung genau beibehalten. Die Statistik von 1901 gibt ziemlich viel Einzelheiten, manche sehr interessanter Art, So erfährt man, dass 3 Frauen und 144 Männer ohne Obdach sind und auf der Strasse wohnen, dass es 1561 jüdische Männer und nur 1489 Frauen gibt. Dieses Missverhältnis tritt bei den mohamedanischen Arabern und Somalis noch deutlicher hervor, denn hier zählt man nur eine Frau auf zwei Männer. Unter den 3050 Juden Adens sind 889 Männer und 739 Frauen unverheiratet, 620 Männer und 534 Frauen verheiratet, 52 Männer uud 216 Frauen verwitwet. Es gibt 749 Kinder — 396 Knaben und 353 Mädchen im Alter von 5—15 Jahren, die die Schule besuchen oder ein Handwerk lernen könnten. Die Mädchen sind natürlich von allem Unterricht ausgeschlossen, was' bei der eigenen Stellung der Frauen in Yemen nicht Wunder nehmen kann. Während die eingeborene Bevölkerung ihre, wenn auch sehr lückenhaften, Schulen besitzt, haben die Juden keine einzige. Sie begnügen sich mit einem unbedeutenden Talmud Thora, wo ein unwissender Babbiner ungefähr hundert Schülern das mechanische Lesen der Bibel beibringt, während die Gemeinde 396 schulpflichtige Knaben zählt. Ich habe diese primitive Schule besucht, die durch die Grossmut des Herrn Menachem Messa unterhalten wird. Dieser reichste und einflussreichste Jude Adens ist bekannter unter dem Namen Banin; er ist der Vertreter der Judenschaft bei den englischen Behörden. Die Juden in Aden sind bei weitem nicht reich; unter ihnen sind viele Bedürftige, deren Zahl durch den Zufluss aus dem türkischen Yemen ständig wächst. Im allgemeinen aber sind sie nicht sehr unglücklich. In den warmen Ländern sind die materiellen Lebensbedürfnisse sehr gering. Wenn man Hunger und Durst gestillt hat, fühlt man sich glücklich, und der Jude in Aden, dessen Anspruchslosigkeit sprichwörtlich ist, scheint dieses Minimum an Genüssen zu besitzen. Die wirtschaftliche Lage der Juden könnte weit besser sein, wenn sie irgend ein nutzbringendes Gewerbe ausübten, die Schlosserei, Schuhmacherei, den Maurer- oder Zimmererberuf. Sie haben eine Industrie, die der Straussfedern und Boas, die sie selbst auf den Schiffen verkaufen. Viele sind Wechsler und Händler, aber Grosskaufleute und Ladeninhaber sind sehr selten. Manche verkaufen auch Branntwein, den sie selbst aus von Bassorah