Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Das Unterstützungswerk der Alliance in Marokko
- Date
- 1907-10-01
- Page
- Seite 659 - 660 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583964-2589156--07589-2589231- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
659 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Das Unterstützungswerk der Alliance in Marokko. 660 Waren galten so ganz als Gemeingut, daß selbst europäische große PI andelshäuser die entwendete Ware angekauft und sich so zu Mitschuldigen der Diebe gemacht haben. Die unsinnige Behauptung, alle Juden hätten sich bereichert, trifft so wenig zu, daß den hundert Familien, die vielleicht noch einen Monat zu essen haben, tausende gegenüberstehen, die nichts, aber auch gar nichts haben und die den Tod oder das Verschwinden eines oder mehrerer Angehörigen beweinen. Alle Europäer haben bei ihren Konsulaten Ersatz für die ihnen zugefügten Verluste beantragt. Nur die Juden unterstehen keinem Schutz und können sich an niemand wenden. Ich bitte um Nachricht, ob ich mich mit der Anfrage an Herrn Malpertuy wenden soll, ob er eine Reklamation von allen Juden entgegennehmen kann, oder ob es richtiger ist, daß Sie in diesem Sinne beim Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten Schritte tun. Pisa. Casablanca, 3. September 1907. Vor einigen Tagen hatte ich die Ehre, Ihnen über die Lage unsere Glaubensgenossen in Settat zu berichten. Eben erhalte ich einige ausführlichere Nachrichten, die ich Ihnen hierdurch mitteile. Da in Settat alle durch die Schauia führenden Wrege zusammenlaufen, scheint dieser Ort der Mittelpunkt zu werden, an dem alle aufs Land geflohenen Israeliten sich zusammenfinden. Außerdem ist dies auch der einzige Platz, an dem sie eine kleine jüdische Gemeinde vorfinden. Es ist wahrscheinlich, daß in den nächsten Tagen die 1000 bis 1500 auf dem platten Lande verstreuten Israeliten, die aus irgend einem Grunde nicht nach Casablanca zurückkehren können, sich in Settat zusammenfinden werden. Ich hatte Sie gebeten, diese Unglücklichen über Mazagan nach Casablanca zurückbefördern zu dürfen. Die Proklamation von Mulay-Hafid hat die Lage im Süden sehr unsicher gestaltet. Man ist jeden Augenblick darauf gefaßt, in Mazagan Truppen landen zu sehen. Außerdem steht beinahe fest, daß eine Expeditionsabteilung in das Innere des Landes geschickt wird. Das Reisen in der Schauia wird ganz unmöglich. Es ist deshalb auch nicht angängig, etwas für die Unglücklichen in Settat zu tun. Wir könnten vielleicht jenen ziemlich wohlhabend scheinenden David Amar, dem Absender des Ihnen neulich in Abschrift geschickten Briefes, bitten, die Flüchtlinge auf Kosten der Alliance zu speisen. Ich kann aber nicht beurteilen, wie weit Ihre Anordnungen ausgeführt würden. Am richtigsten ist wohl, die Klärung der politischen Lage abzuwarten. Ich bin fest entschlossen, wenn mich nicht neue Pflichten in Casablanca zurückhalten, die Expeditionsabteilung in das Innere zu begleiten, besonders wenn sie bis Settat und Mzab geht. Pisa. Casablanca, 4. September 1907. Heute Morgen besuchte mich Dr. Bachon, der Militärarzt des französischen Besatzungskorps in Marokko. Er hat bei den Israeliten die vielfach vorkommenden . Augenkrankheiten bemerkt und erbietet sich aus eigenem Antrieb zur Behandlung dieser Krankheiten. Er fragte mich, ob ich ihm im Mellah ein Zimmer zur Verfügung stellen und ob ich von der Alliance die Lieferung von Medikamenten erlangen könnte. Er würde täglich einige Stunden den armen Patienten widmen, deren Zustand dadurch verschlimmert werden kann, daß sie mehrere Tage auf die Untersuchung in der französischen Klinik warten müssen. Dr. Bachon kennt die Tätigkeit der x^lliance sehr genau und bewundert sie aufs tiefste. Ich habe Herrn Dr. Bachon meinen herzlichsten Dank für sein schönes Vorhaben ausgesprochen und habe mich stark gemacht, von Ihnen die Mittel für ein Zimmer und für die erforderlichen Medikamente zu erhalten. Ich habe ihn gebeten, mir eine Aufstellung zu machen, die ich Ihnen sofort nach Empfang zustellen wollte. Wir würden auf diese W7eise im Mellah eine Klinik bekommen, die unseren Kranken die erste Hilfe gewährt. Pisa. (Die Alliance Israelite Universelle hat Herrn Pisa ermächtigt, über die zur Herstellung der vom Militärarzt Dr. Bachon in Aussicht gestellten Klinik erforderlichen Gelder zu verfügen.) Casablanca, 6. September 1907. Ich habe die Ehre, Ihnen einige Auskunft über die Israeliten zu geben, die Casablanca verlassen haben. Wie schon berichtet, hatte eine große Anzahl von ihnen sich nach Tanger gewendet. Als aber auch in dieser Stadt die Lage etwas bedrohlich geworden war, sind unsere Flüchtlinge nach Gibraltar gegangen, wo der Gouverneur ihnen die Aufnahme verweigerte. Darauf wendeten sie sich nach der Linea und Algeciras. Es waren ungefähr 500 Personen, fast durchweg wohlhabende Familien aus Casablanca. Bei den spanischen Behörden fanden sie ausgezeichnete Aufnahme. Man erließ ihnen den Zoll, suchte ihnen Wohnungen, brachte ihnen Lebensmittel, gestattete ihnen, das Vieh nach jüdischem Ritus zu schlachten, und erlaubte ihnen, ein Bethaus einzurichten. Die Zivil- und Militärbehörden und die ganze Bevölkerung machten sich eine Ehre daraus, ihnen alles anzubieten, was ihnen fehlte. Jetzt haben alle Familien sich niedergelassen, die Mehrzahl in Algeciras, einige in der Linea und in Cadix; sie wollen den Winter über dort bleiben. Von der bei den Spaniern gefundenen Aufnahme gerührt, haben die Israeliten dem Vorsitzenden des spanischen Comites einen Dankbrief geschickt, der in der Übersetzung lautet: „Die Unterzeichneten, die infolge der blutigen Ereignisse in Marokko auf der Suche nach einer Schutzstätte in dieses ritterliche und gastliche Land gekommen sind, um sich unter den Schutz der glorreichen spanischen Flagge zu stellen, geben sich die Ehre, den Behörden und der ganzen spanischen Bevölkerung ihre tiefste Dankbarkeit für die ihnen bewiesene menschenfreundliche Haltung auszusprechen. Seine Exzellenz der Militärgouverneur dieser Stadt, Don Julio Bazan, der Bürgermeister, Don Eugenio Bianca Romero, und die ganze Stadtvertretung, der Herr Steuerinspektor, Don Eusebio Albaladejo, der Direktor, Don Antonio Diaz Tejeiro,