Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Das Unterstützungswerk der Alliance in Marokko
- Date
- 1907-10-01
- Page
- Seite 655 - 656 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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055 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Das Unterstülzungswerk der Alliance in Marokko. 656 meine Wünsche alle erfüllt worden sind. Kommandant Mangin laßt keine Gelegenheit vorübergehen, sich Ihrem Vertreter gefällig zu erweisen. I s. Pisa. 16. August. An den Herrn Platzkommandanten Mangin! In unserer gestrigen Unterredung hatten Sie mir gesagt, daß Sie israelitische Arbeiter brauchen, teils zur Straßenreinigung, teils zur Beerdigung der Leichen. Sie sind zu solchen Requisitionen unbedingt berechtigt. Sie werden aber einsehen, daß diese Tagelöhner, die Familie zu ernähren haben, für ihre harte Arbeit bezahlt sein wollen, da es weder in der Stadt noch im Hafen an Arbeit fehlt. Ich wage deshalb zu hoffen, daß ich Ihnen diese Tatsache bloß anzuzeigen brauche, um Sie zu bestimmen, daß Sie nach Maßgabe der vorhandenen Mittel die Arbeit der armen Leute entlohnen. I s. Pisa. Antwort des Kommandanten-Mangi n. Lieber Herr PjVa! Ich habe Ihren Brief vom heutigen Tage erhalten. Es entspricht nur der Gerechtigkeit, daß die Arbeiter bezahlt werden. Ich habe dem Kapitän Poulet befohlen, ihnen 1,45 Frs. täglich oder den doppelten Wert in Stoffen zu zahlen, die man den Arabern weggenommen hat. Kommandant M angin. 17. August. Herrn Platzkommandanten M angin! Der Scheich der Israeliten teilt mir soeben mit, daß Sie von Israeliten Arbeit am Sabbath verlangt haben. Diese armen Leute sind gewiß geneigt, auf Ihren Befehl mit dem besten Willen von der Welt zu arbeiten. Aber dem Glauben Ihrer Väter treu ergeben, würden sie das Gefühl haben, ein Sakrileg zu begehen, wenn sie am Sabbath arbeiteten. Ich bitte Sie deshalb, Herr Kommandant, im Namen der Ideen der Toleranz, zu deren vornehmstem Vertreter Frankreich sich seit Jahrhunderten gemacht hat, Ihren israelitischen Arbeitern gütigst gestatten zu wollen, daß sie am Sabbath ruhen. Ich verspreche Ihnen, daß sie ihrer Aufgabe mit Eifer an allen anderen Tagen der Woche nachkommen werden. I s. P i s a. Der Herr Kommandant hat mir wörtlich geantwortet, daß Befehl gegeben sei, wonach die Israeliten am Sabbath nicht mehr zu arbeiten brauchen. C a s a b 1 a n c a , 29. August 1907. Es ist mir eine Freude, Ihnen mitteilen zu können, daß auf Befehl des Kommandanten Mangin vierzig unter dem Verdacht der Plünderung vor einigen Tagen verhaftete Israeliten freigelassen worden sind. Diese humane Maßregel verdient alles Lob; ich habe in Ihrem Namen dem Kommandanten Mangin einen warmen Dankbrief geschrieben. I s. Pisa. Casablanca, 30. August 1907. Beiliegend übersende ich Ihnen die Abschrift eines mir zur Verfügung gestellten Briefes, der aus Zettat an einen hiesigen Notablen, Herrn Selam Edery, gekommen ist. Aus seinem Inhalt ergibt sich, daß in Zettat über 400 geflüchtete Israeliten sich in größter Not befinden. Man muß alle Mittel aufbieten, sie nach Casablanca zurückzubringen, was mit dem erforderlichen Geld gut zu bewerkstelligen ist. Da die nächste Umgebung von Casablanca noch durch militärische Operationen sehr unruhig ist, könnte man die unglücklichen Leute nicht durch die Schauia heimkehren lassen, sondern müßte sie nach Mazagan schicken, wo die Lage verhältnismäßig hesser ist, und sie von dort zu Schiff hierher bringen. Nach meiner Berechnung würde diese Reise über 5000 Francs kosten. Wie kann man Geld nach Zettat gelangen lassen? Wenn Sie gewillt sind, diese Flüchtlinge wieder in ihre Heimat befördern zu lassen, so würde ich Herrn Amar, den Absender j enes Briefes aus Zettat, den Rat geben, die Juden aus Casablanca gruppenweise nacli Mazagan zu schicken, wo Herr Elmaleh (Direktor der Allianceschule in Mazagan) die Führer pro Rata bei ihrer Ankunft bezahlen würde. Nachdem alle in Mazagan beisammen sind, würde man für den Weitertransport nach Casablanca ein Boot mieten. Wollen Sie mir gefälligst Instruktionen über diese Angelegenheit geben. Von anderer Seite habe ich erfahren, daß zahlreiche Gruppen von Israeliten sich in Uled-Zyan, Mzab und anderen Orten aufhalten. Ich kann mir nur sehr schwer Auskunft verschaffen, weil die Boten sehr teuer sind. Es wäre praktisch, wenn Sie mir einen kleinen Kredit eröffneten, damit ich versuchen kann, genaue Nachrichten von allen Orten zu erhalten, wohin unsere armen Glaubensgenossen zerstreut sind. Pisa. Anlage, aus dem Jüdisch-Arabischen übersetzt. Zettat, 12. August 1907. Lieber Freund! Deine Familie ist, Gott sei Dank, in bester Gesundheit hier eingetroffen, aber Deine Schwester ist bei der Ankunft in Zettat gestorben und wie eine Heilige bestattet worden. Ich muß Dir auch mitteilen, daß über 400 Juden aus Casablanca hier sind. Sie haben fast gar keine Kleider. Ich tue mein Möglichstes, um ihnen zu essen zu geben, aber ich habe selbst nichts mehr. Die Flüchtlinge, auch die Frauen, sind unterwegs von den Arabern auf das Grausamste behandelt worden. Alle sind dem Hungertode nahe. David Amar. (Die Alliance Israelite Universelle hat die zur ^Repatriierung der Flüchtlinge nötige Summe zur Verfügung gestellt.) Casablanca, 30. August 1907. Hierdurch teile ich Ihnen mit, daß gestern Abend spanische Soldaten in Begleitung von Zivilisten in trunkenem Zustand in den Mellah eingedrungen sind.