Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Die Lösung der Judenfrage
- Date
- 1907-10-01
- Page
- Seite 633 - 634 (sequence 3)
- Language
- German
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633 M. A. Klaussner: Die Lösung der Judenfrage. 634 Produkte ber Dehomposition unö tragen Dekonv Positionen überallhin, aud) wenn sie das nictyt sollen unö nid)t wissen. Unsere Sonderstellung in öerGesellsctyaft ist teilweise ein Ergebnis unserer Sonderstellung im Staat, folgt 3um anderen Ze\\ aus unserer Abwehr gegen Assimilation. Wer sid) gegen die Uniformierung auflehnt, muss bereit sein, die f^onsequen3en 3U tragen. 6in unf)öflid)es Sprichwort sagt: „Jedem Darren gefällt seine Eappe." Das Sprichwort mag wahr sein. Darum aber braucht der noch nicht weniger ein Harr 3U sein, dem nur die.föappe des anderen gefällt. CDir gefällt unsere Rappe. Sünf3ehnhundert Jahre waren wir unter uns und fyaben unsere ßappe getragen, fln 3weitausend Jahre tragen wir sie in ber Diaspora. — Und nun soll id) Ihnen sagen, wann wir unb bie anberen alle unter einen F5ut gebracht sein werben? — Id) weiss es wirklich nid)t. S. [. ABRAMOWITZ. (Mendele Mocher S'foriim). Literarische Studie von Dr. Eliaschoff, Warschau. Nachdruck verboten. Empfänglichen Sinnes einen großen Schriftsteller genießen, heißt Zwiesprache halten mit seinem eigenen Ich, gleicht einer trauten stummen Unterredung mit seinem eigenen Gewissen oder mit seiner eigenen Vergangenheit. Mitunter haben wir auch das Gefühl, als offenbare sich uns in dieser genußreichen Stille die Psyche eines;v„:.,,. ganzen Volkes. Abramowitz zählt zu denen, die uns der jüdischen Vergangenheit, der kollektiven Seele des Golusjudentums von Angesicht zu Angesicht gegenüberstellen. Wie gering jedoch ist die Zahl derer, die Abramowitz in vollem Maße genießen....... Abramowitz genießen ist für mich gleichbedeutend mit dem Untertauchen in die alte vergangene Welt; in die Well, wo Armut und Kinderglaube zusammenhausten, wo in einem schlammigen Pfuhl Tausende von jüdischen Seelen zappelten, Menschen, die ihren Leib mit Lumpen eines Bettlers bedeckten, und ihre Stirn, eingebildeten Königskindern gleich, mit papierenen Krönchen schmückten. Ich erblicke in den Werken Abramowitz's fast den einzigen Spiegel vom Leben unserer Großväter und Urgroßväter. Mit anderen Worten: sie zeigen mir die tiefsten Wurzeln, aus denen der neuzeitliche Jude im Osten emporgewachsen ist. Ich finde hier Gelegenheit, mich mit der ganzen abgerundeten Weltanschauung vergangener Generationen vertraut zu machen. Und da die ehemalige Weltanschauung in uns einen Komplex von Gefühlen und Lebenswerten erzeugte, von denen wir uns heute noch nicht ganz frei machen können — so entdecke ich im Juden der Gegenwart vieles, was seine Säfte aus den alten Ghettowurzeln zieht, aus Abramowitzens jüdischer Welt. S. I. Abramowitz. (Mendele Mocher S'foriim). Abramowitz genießen bedeutet für mich dasselbe wie das Aufrollen eines alten Adelsbriefes, um sich einmal klar bewußt zu werden, woher wir denn eigentlich stammen. Wir lernen begreifen, wie sich aus den alten Ghettojuden der osteuropäische Jude der Gegenwart entwickelte. Derselbe Idealismus, der heute den Enkel beseelt, hatte ehemals den Großvater begeistert. Der Unterschied besteht nur im Inhalt. Uns drücken noch immer dieselben Fesseln; wir leiden noch heute infolge unserer einstigen Yolksgebrechen. IL Die Welt, die sich in Abramowitzens Werken spiegelt, ist die jüdische Ghettowelt in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Wenn auch seine Schöpferkraft sich bis auf unsere Tage in ungeschwächter Frische erhalten hat, so ist dennoch sein Blick stets nach rückwärts auf jeneZeiten gerichtet . Er ist unter den Volksdichtern, die uns eine künstlerische Synthese des ehemaligen Ghettojudentums gegeben haben, der größte und tiefste. Ich will vi 1 suchen, im engen Rahmen eines Artikels eine Vorstellung von Abramowitzs Synthese zu geben, und ich werde mich glücklich schätzen, wenn mein Versuch beim ernsten Leser das Verlangen wecken wird, mit diesem Meister und größten Psychologen des jüdischen Volkslebens näher bekannt zu werden. Zunächst führt uns Abramowitz in seinen Ghetto- Schilderungen jene jüdischen Volksmassen vor, in deren eingefallenen Hütten die Armut aus allen Spalten und Spältchen „pfeift". Die jüdische Armut erhält bei Abramowitz ein höchst wunderliches Aussehen; es fällt schwer, ein Gleichnis zu finden. Sie läßt sich weder mit der Armut in den großen europäischen Städten,