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Ost und West · 1907-10-01 · Heft 10 (Oktober 1907) · p. Seite 625 - 626

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 10 (Oktober 1907)
Article
Ignaz Brüll
Date
1907-10-01
Page
Seite 625 - 626 (sequence 1)
Language
German
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625 626 IGNAZ BRÜLL Von Dr. Bogurriil Zepler. Nachdruck verboten. Ein Reichbegabter von Judas Söhnen ist soeben dahingegangen: Ignaz Brüll, der bekannte Wiener Komponist, ist am 17. September nach mehrtägiger Agonie im Kreise seiner Familie zu Wien verschieden, nachdem er vor kaum Jahresfrist seinen 60. Geburtstag gefeiert hat. Sein Leben verlief zumeist in den Bahnen eines geordneten Bourgeoisietums, kaum reich an sonderlichen Ereignissen; aber auch sein Künstlerwallen, im Anfang noch die Reiselust der Jugend zeigend, lenkte gar bald in ruhige Bahnen ein. Den 7. November 184G zu Prossnitz in Mähren geboren, siedelte Ignaz Brüll bereits als Dreijähriger mit den wohlhabenden Eltern nach Wien über. Früh entwickelte sich dort sein musikalisches Talent, früh hatte er aber auch Gelegenheit, durch tüchtige Lehrer, wie Epstein für das Kiavierspiel, Eufinatscha für Komposition und Desspf für Instrumentation, sich zu künstlerischer Reife zu entfalten. Schon mit 15 Jahren spielte der junge Brüll zusammen mit seinem Lehrer Epstein öffentlich Mozarts „Konzert für zwei Klaviere". Damals begann er auch die ersten Kompositionen niederzuschreiben. Er hatte dabei nichts von jenen Eigenschaften, die „Wunderknaben" so oft wenig angenehm auszeichnen, er war von ungemeiner Bescheidenheit und vornehmer Einfachheit, frei von jeglicher Originalitäts- und Effekthascherei, Eigenschaften, die auch dem zum Manne gewordenen stets erhalten blieben. Als Pianist lenkte er zuerst die breitere Oeffentlichkeit auf sich. Auf Konzertreisen durch Oesterreich und Deutschland wusste er seine Hörer vor Allem durch die grosse Sachlichkeit seiner pianistischen Darstellung zu fesseln. Namentlich Beethoven und Schumann wählte er sich für seine Interpretation. Auch in Gemeinschaft mit anderen Künstlern, wie Henschel, Joachim, der Neruda konzertierte er und wurde bei derartiger Gelegenheit in den Jahren 1878 und 81 zu London überaus gefeiert. Mit Vorliebe sucht ihn Brahms auf und gar FRANZ VON LENBACH. Ignaz Brüll. (gest. 17. September 1907). manche seiner Kompositionen nahm Meister Johannes mit Brüll zum ersten Male durch. Gar bald aber verblasste der Ruf des Pianisten \or jenem des Tondichters Brüll. Es war am 22. Dezember 1875, als an der Berliner Königlichen Oper zum ersten Male die zweiaktige Spieloper „Das goldene Kreuz" in Szene ging und den Ruhm Brülls in alle Lande trug. Von jenem Tage an wusste man, was Brülls eigenste Note war, die Begabung für die heitere Grazie, für das volkstümliche Sentiment. Der durchschlagende Erfolg dieser Oper machte sie auch zu einer der Lieblingsopern Kaiser Wilhelms I., der sich darüber zu dem Komponisten sehr herzlich äusserte: „Ihr Wiener seid doch glückliche Menschen. Die Melodien kommen Euch über Nacht und so heiter und herzensfroh zu singen, versteht auch Niemand wie Ihr!" Leider blieb den späteren Opern Brülls ein gleicher Erfolg versagt. Während „Das goldene Kreuz" noch heute nach 32 Jahren Repertoireoper der meisten Bühnen ist, konnten es sein „Landfriede" (1877), „Königin Marietta" (1883), „Das steinerne Herz" (1888), „Gringoire" (1892), „Der Husar" (1898) zumeist nicht über Eiutagserfolge hinausbringen. Und doch steckt in allen diesen Werken des Geistes, den wir aus seinem „Goldenen Kreuz" kennen lernten, und in der Mehrzahl der Fälle sind es die allzu wenig interessierenden Textbücher, an denen die Kunst des Komponisten Schiffbruch litt. Was Brüll jenseits der Oper geschrieben, ist, obwohl alles den Stempel des Künstlers und feinsinnigen Musikers trägt, nicht von gleicher Bedeutung; so eine Symphonie, Orchester - Serenaden, Ouvertüren, Klavier - Konzerte, Kammermusikwerke (Violinkonzert, Klaviersuiten, Sonaten^ Klavierduos, Violinsonaten u. A.). Am meisten Bedeutung unter diesen Dingen beanspruchen wohl die etwa 70 Lieder für sich, die uns Brüll hinterlassen und die die ungemeine Vielseitigkeit seines liebenswürdigen Talents erweisen. Wir möchten unter ihnen namentlich die OELGEMAELDE.

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