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Ost und West · 1907-10-01 · Heft 10 (Oktober 1907) · p. Seite 609 - 610

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 10 (Oktober 1907)
Article
Jüdische Organisation in der Diaspora
Date
1907-10-01
Page
Seite 609 - 610 (sequence 3)
Language
German
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609 Dr, Simon Bernfeld: Jüdische Organisation in der Diaspora. 610 besitzen, ohne aber gleichzeitig auch Orgaue zu haben, welche für die Befolgung der erlassenen Verordnungen sorgen sollten. Die deutschen Juden glaubten in ihrer Frömmigkeit und Rechtschaffenheit, es genügte, dass gute Gesetze vorhanden sein — befolgt würden sie schon yon selbst, auch ohne jenen äusseren Zwang. Wir kennen daher von der deutschen Judenheit bloss eine grosse Anzahl trefflicher Verordnungen, aber keine wirksame Organisation. Eine sehr merkwürdige politische Organisation der Juden, die merkwürdigste wohl, welche die jüdische Geschichte in der Diaspora kennt, war die sogenannte „Yierländer - Synode" in Polen und Lithauen im 17. und 18. Jahrhundert.*) Die Bezeichnung Synode, wie sie in der jüdischen Geschichtsschreibung üblich geworden ist und eigentlich nur für eine religiöse Behörde passt, ist zweifellos unrichtig. Denn die polnische „Yierländer-Synode", die sich aus Rabbinern und Gemeiodevorständen zusammensetzte, beschäftigte sich keineswegs bloss mit religiösen Angelegenheiten. Sie bildete vielmehr eine Art Parlament, in dem alle jüdischen Angelegenheiten, öffentliche wie private behandelt wurden. Sie war gleichzeitig der höchste Gerichtshof, der über alle Streitfälle endgiltig zu urteilen hatte. Ebenso gingen von ihr die nötigen zeitgeihässen Verordnungen aus für die Gemeinden und für die Einzelnen, für Rabbinate, für das Unterrichtswesen und alle öffentlichen Einrichtungen. Das ganze soziale, wirtschaftliche und religiöse Leben der Juden in Gross- und in Kleinpolen, in Reussen und in Lithauen spiegelte sich in den Versammlungen dieser eigenartigen Körperschaft ab, die alljährlich an verschiedenen Orten *) Siehe die Artikel von Leon Scheinhaiis, Memel: „Aus den alten Gemeinden" in Heft 4 und 6 von „Ost und West". anlässlich der grossen Jahresmessen stattfanden. Da die Juden in Polen eine weitgehende politische und nationale Autonomie besassen, so konnte diese Behörde last staatliche Gewalt ausüben. Die innere Einrichtung und Zusammensetzung der „Vierländer-Synode" ist noch nicht genügend bekannt, selbst über ihrer geschichtlichen Entstehung und Entwicklung schwebt noch manches Dnnkel, obwohl in den ietzten Jahren viel aufhellende Forschungen auf diesem Gebiete veröffentlicht worden sind. Es unterliegt auch leider keinem Zweifel, dass diese Organisation, die grösste und trefflichste, welche die Juden in der Diaspora bis zum Anbruch der neuen Zeit besessen haben, am Ende derselben sozialen Krankheit verfallen ist, an der die polnische Republik zu »Grunde gegangen ist. Auch da riss später die sprichwörtlich gewordene polnische Misswjrtschaft ein. Wenn auch die Auflösung der „Vierländer-Synode" durch die Vernichtung des polnischen Reiches verursacht wurde, so muss doch gesagt werden, dass das Ende kein rühmliches war, und es ist bezeichnend genug, dass man lange Zeit selbst von der Existenz dieser Institution nichts gewusst hat, obwohl sie doch bis fast in die Gegenwart hineinreicht. Wir sehen aus den unzähligen Organisationen, den gelungenen und den misslungenen, welche das jüdische Volk in den achtzehn Jahrhunderten seiner Zerstreuung geschaffen hat, dass in ihm ein starkes Streben nach Konzentrierung seiner Kräfte vorhanden ist. Der behauptete Mangel an staatsbildender Fähigkeit der Juden ist gewiss nur eine Phrase. Es zeugt dies von einer oberflächlichen Auffassung der geschichtlichen Erscheinungen. Dagegen spricht auch die bekundete Fähigkeit der Juden, selbst unter ungünstigen Verhältnissen grosse Organisationen zu schaffen, die dem jüdischen Volk unermesslichen Nutzen gebracht haben. HUGO REINHOLD. Von Adolph Er hat viel gelitten im Leben, mag ihn auch äusserer Glanz umgeben haben . . . hat innerlich gelitten. Und ist dann früh dahingestorben, viel zu früh . . . Nun werden es schon sieben Jahre, dass Hugo Rein hold, der Plastiker, von uns schied. Mitten aus kühnen Itünstlerträumen, mitten aus reichem Künstlerschaffen riss ihn der Tod, raubte ihn den Freunden, denen er Edles gegeben, nahm ihn der Kunst, die ihm, dem reifen Manne, alles gewesen. Und selten hat Einer ein so wechselvolles Schicksal gehabt, wie Hugo Heinhold, der erst mit 35 Jahren ein Jünger der Kunst geworden ist. Er stammte aus Oberlahnstein, ist dort am 26. März 1853 geboren worden. Schon in der Jugend zeigte er künstlerisches Empfinden, aber die Sehnsucht, die ihn beseelte, erlosch in der Wahl des Berufes, dem er sich widmen sollte. Er wurde Kaufmann, wurde ein tüchtiger Kaufmann, streifte kreuz und quer durch die Welt, fuhi1 oft übers Meer, nahm eines Tages in San Francisco Wohnung und legte hier den Grund zn seiner kaufmännischen Carriere. Und als ein paar Jahre vergangen waren und sein Huf als Kaufmann schon guten Klang hatte, verliess Hugo Reinhold Donath (Berlin). Nachdruck verboten. Amerika, gründete in Hamburg ein Exporthaus und führte bald darauf seine geliebte Jugendliebe aus der rheinischen Heimat, Emma Levy aus Köln, als Gattin heim. Kaum eineinhalb Jahre aber hat dieses junge Glück gewährt. Emma Reinhold starb ... Da hielt es den jungen Witwer, der den grossten Schmerz erfahren, nicht länger in Hamburg, er schüttelte den Kaufmann ab, kam nach Berlin und studierte hier bei Dilthey und Paulsen Philosophie. Besonders die Ethik und die Aesthetik fesselten ihn. Sie haben seinem Leben eine neue Wendung gegeben. Im Verkehr mit Männern wie Steinthal und Kristeller kam der junge Philosoph mit dem Judentum, dem er entstammte, in innigen Kontakt, der umso inniger wurde, als ihn der Deutsch-Israelitische Genieindebund zu seinem Schatzmeister wählte. Das war zu Anfang der Neunziger Jahre. Und in diese Zeit fällt auch das erste selbständige Schaffen Hugo Reinholds, des Plastikers. Schon in den Stunden, da er Kollegien hörte, flammten in ihm die Wünsche der Kindheit von neuem auf. Er träumte von der Kunst, versenkte sich in seine Träume immer tiefer, bis schliesslich der feste Wille siebte: ich werde

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