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Ost und West · 1907-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1907) · p. Seite 571 - 572

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1907)
Article
Das Unterstützungswerk der Alliance in Casablanca
Date
1907-08-01
Page
Seite 571 - 572 (sequence 3)
Language
German
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571 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Das Unterstützungswerk der Alliance in Casablanca. 572 ist verwüstet, Türen und Fenster zerbrochen. Möbel undWertgegenstände verschwunden/; Es ist'alles geraubt und davongetragen. Unsere Schulen sind in Trümmer gelegt. Die Bänke und -; Katheder sind fzerhackt, alles! Material und das Silber jfortgeschleppt,1 die Bücher verbrannt. In der '/Falmud-tora. wo der Adjunkt Herr Soussana wohnte, ist alles in fötücke ge- °- SIMONI. schlagen. Herr Soussana war schwer krank. Man nahm ihm alles weg, sogar seine Matratze und sein Hemd, und ließ ihn auf der eisernen Bettstelle liegen. Alle Synagogen, mit Ausnahme von zwei kleinen Gebetsstuben, sind ausgeraubt, die Silbersachen gestohlen. Eine Einzelheit sei hier vermerkt, die unseren Glaubensgenossen zur Ehre gereicht: Alle Gesetzesrollen sind gerettet worden! Überall Zerstörung und Verwüstung. Man sollte nicht glauben, daß Menschen solche Trümmer schaffen können. Man möchte eher annehmen, daß eine elementare Katastrophe über die Stadt niedergegangen wäre. r~ *;Doch Plünderung und Brandstiftung ist noch nichts. Die aus ihren Wohnstätten verjagten Israeliten verbreiteten sich über alle Stadtviertel in der Nähe der Konsulate, namentlich des französischen Konsulats. Zwischen den Arabern und den in ihren Konsulaten untergebrachten Europäern fanden Gefechte statt. Die Araber rächten die enormen Verluste, die sie dabei erlitten, an den Schwächeren, den Israeliben. Eine wahre Menschenjagd begann. Man versteckte sich in Kellern, unter Schutthaufen, in leeren Cisternen. Ganze Familien lebten drei Tage lang ohne zu essen auf dem Stroh. Die -Männer wurden mit Knütteliiieben und Dolchstichen verjagt, Frauen und Kinder davongeführt. Schreckliche Szenen spielten sich ab. Man muß den Bericht aus dem Munde der Opfer hören. Ein Rabbiner unserer Schule hatte eine einzige Tochter. Aus Geiz wollte er sich nicht einschiffen lassen. Die Kabylen drangen bei ihm ein, nahmen ihm alles fort, auch seine Tochter. Er bot alle seine Habe, seine Ersparnisse, seine Möbel. Man nahm sie und seine Tochter dazu. Er lief nach. Ein Dolchstich in den Kopf brachte ihn zu Fall. Als er sich erhob, war se ne Tochter verschwunden. Hunderte von ähnlichen Szenen haben sich abgespielt. Nach den Ermittelungen, die ich seit drei Tagen angestellt habe, bin ich zu nachstehenden Ziffern gekommen, die die Behörden mir Jüdisches Konzert in Marokko. OELGEMAELDE. als wahrscheinlich bezeichnet haben: 30 Tote, etwa 60 Verwundete, davon 20 sehr schwer, zahllose Verletzungen, Vergewaltigungen, 250 junge Frauen und Mädchen entführt. Besonders beklagenswert ist der Tod des Herrn Sasson, eines der großherzigsten Wohltäter der Stadt, und des Herrn Ettecrui, eines Freundes der Allianceschulen und ihrer Angestellten. Jetzt ist die Stadt beinahe verlassen. Die arabische Bevölkerung ist tot oder verschwunden. Von den 6000 Israeliten, die die Stadt zählte, haben sich etwa 1000, nämlich die Kolonien von Tanger und Tetuan, zwischen Ceuta, Gibraltar und Tanger verteilt. 1500—2000 Flüchtlinge von Mzab und Zettat sind nach allen Richtungen zerstreut. Unmöglich, irgend etwas über ihr augenblickliches Schicksal zu erfahren. Sie kehren allmählich zurück. Die Vorposten signalisieren tagtäglich heimkehrende Gruppen. General Drude, den ich gesprochen habe, hat mir die Versicherung gegeben, daß er das Möglichste tun werde, um sie in Ruhe zur Stadt zurückkehren zu lassen. In der Stadt sind etwa 3—4000 eingeborene Israeliten in der traurigsten Lage zurückgeblieben. Ich verteile Lebensmittel unter sie. Das französische und das englische Konsulat haben mir Brot zur Verfügung gestellt. Aber diese Unglücklichen sind ohne Häuser und ohne alles. Jm Augenblick ist das Elend noch nicht so schlimm. In den Straßen liegt Gerste kniehoch. Jeder kann davon nehmen so viel wie er mag. Das eigentliche Elend wird erst später beginnen, wenn die Ordnung wiederhergestellt ist. Was die Israeliten auf dem flachen Lande betrifft, so ist Hoffnung vorhanden, daß man sie in Ruhe lassen wird. Ich hoffe viel für sie von der Okkupation. Viele Stämme haben sich bereits zur Niederlegung der Waffen bereit erklärt, und eine der Friedensbedingungen, die man ihnen stellen wird, wird darin bestehen, daß man das Leben und das Eigentum der Israeliten achtet.

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